
Lisa und die Nachtfalter
Eigentlich wollte sie sich nicht mehr an Anthologien beteiligen und schon gar nicht zum Thema „Nachtfalter“. Eigentlich wollte sie sich nicht mehr sagen lassen, dass „eigentlich“ ein unwillkommenes Füllwort sei, und dass man zwei Sätze hintereinander nicht mit demselben Wort beginne. Doch jetzt saß sie trotzdem wieder an ihrem „Läppi“ und tippte ein Wort nach dem anderen. Das war wie in der Schule, wenn wieder einmal ein Aufsatz geschrieben werden sollte. Sie mussten dann zu einem Begriff, einem Thema oder irgend so einer schwachsinnigen Idee ihrer Deutschlehrerin Geistreiches aufs Papier bringen. Anschließend zerpflückte sie die Texte öffentlich vor der Klasse und bescheinigte die meist absolute Unfähigkeit. Natürlich waren auch die meisten Regeln der deutschen Rechtschreibung nicht beachtet worden, wie sie auch hier im Forum eingefordert wurden. Zu ihren doofen Themen konnte man aber nur Doofes schreiben. Lisa atmete tief durch. Deswegen war sie ja in ein Forum geflüchtet und hatte dort mitgeteilt, dass sie demnächst ihren ersten Roman schreiben werde. Sie hatte da ganz tolle Ideen. Nachts schwirrten sie in ihrem Kopf herum. Wie Nachtfalter?
Lisa stellte das Tippen ein, sank in ihren Sessel zurück und glaubte, nun doch zum Thema gefunden zu haben. Aber Nachtfalter, das waren doch so farblose, kleine, fette Dinger, die von Fledermäusen gefressen wurden. Im Sommer sausten die Fledermäuse immer in der Dämmerung über der Wiese hinter dem Haus. Sicher jagten sie auch nach Nachtfaltern. Jetzt war es Winter, und die Fledermäuse hingen irgendwo unter einem Dach oder in einer Höhle von der Decke. Sie war einmal in so einer Höhle gewesen. Der Gestank des Fledermauskotes stach ihr bei dem Gedanken noch immer in der Nase. Diese Biologieexkursion war ihr richtig zuwider gewesen. Klar sahen die kleinen Biester ganz niedlich aus. Doch bei diesem Gestank war ihre schwache Liebe gleich erloschen. Sie konnte die anderen Mädchen in der Klasse nicht verstehen, die meinten, dass sie ja so süß seien.
Lisa stand auf, um sich den Brockhaus aus dem Schrank zu holen. In der Glastüre sah sie kurz ihr Spiegelbild. Du siehst auch aus wie ein Nachtfalter: farblos, fetter Rumpf, Scheiße eben. „Nacht“, stand da, sei der Zeitraum vom Untergang bis zum Aufgang der Sonne. Dahinter gleich „Nachtblindheit“, eingeschränkte Sehfähigkeit. Und nach „Nachtgleiche“ las Lisa „Nachtigal“. Das sei ein Arzt und Afrikareisender gewesen, stellte sie überrascht fest, und hatte eigentlich einen Vogel erwartet, der aber gleich danach in ihren Blick flatterte. Natürlich schreibt man ihn mit zwei „l“.
Zu einer Nachtigall würde ihr viel mehr einfallen können, als zu einem Nachtfalter, den es unter diesem Namen im Brockhaus wohl nicht gab. Unter „Falter“ sah Lisa nun nicht mehr nach sondern tippte den Nachtfalter ins Google-Feld des Laptops. Klar, dass es den Nachtfalter bei Wikipedia sofort gab. Gleich 15 verschiedene waren da aufgeführt. Trotzdem hatte sie aber weiter die Nachtigall im Kopf und auch den Afrikareisenden mit nur einem „l“. Afrika, das wäre auch ihr Ding. Da würde sie später ganz bestimmt einmal hin wollen. Ob es in Afrika auch Nachtigallen gab? „Zugvogel“, las Lisa im Wikipedia, und „Nordafrika“ las sie weiter. Was war doch so eine Nachtigall gegen einen Nachtfalter!
Lisa versank in ihrem Sessel. Sie fühlte sich wie eine Nachtigall, die mit ihrem lieblichen Gesang verzaubert. Sie würde auch gerne leicht hinaufsteigen in die Lüfte und singend die Welt verzaubern. Singen eigentlich nur die Nachtigall-Männchen? Egal! Sie ließ sich mit geschlossenen Augen empor tragen und flog über Frankreich und Spanien davon nach Nordafrika.
Der unvermittelt anspringende Lüfter des Laptops holte Lisa zurück. Sie empfand das so, als falle sie dick und fett vom Himmel in ihren Sessel. Als sie neulich in einem Fastenforum unterwegs war, da schien es ihr, als ob alle übergewichtig wären und sich wie fette Nachtfalter fühlen. Schnell war sie da wieder abgehauen. In ihrem Literaturform fand sie Zuflucht. Da wollte sie sich ausleben und sich ihre kleine bunte Welt zusammenschreiben. Doch an dem Nachtfalter konnte sie nun wirklich nichts Buntes und schon gar nichts Erotisches finden. Urplötzlich sah sie wieder diese Dinger nachts auf die Windschutzscheibe klatschen, als sie im vergangenen Sommer vom Plattensee nach Hause gefahren waren. Abends war es so schlimm, dass sie stehen bleiben mussten, um die Frontscheibe sauber zu machen. Ihr Vater erzählte damals, dass er einmal nachts auf einer Straße entlang der Donau nicht mehr weiterfahren konnte, weil in einem riesigen Schwarm von Insekten die Scheiben total verschmiert waren. Lisa fand diese Erinnerungen einfach nur eklig.
„Nachtschwärmer“ hätte man doch auch sagen können. Oma nannte ihren Vater so, wenn er abends spät nach Hause kam. Jedenfalls sollte sie jetzt ganz sicher irgendetwas über die Nacht schreiben. „Nachts sind alle Katzen grau“, das war auch so ein Kommentar, den Oma immer mal wieder hören ließ. Das kam wohl noch aus der Zeit, als man mit nächtlichen Lasershows, Discos und Parties noch nichts am Hut hatte. Ihre Nacht heute wäre bunt, laut und hell. Und sie sah sich mittendrin als bunten Schmetterling, der die Nacht zum Tag machte, zu einem verzauberten Tag.
Lisa empfand sich plötzlich nicht mehr als einen fetten Nachtfalter. Sie sah an sich herunter. Die knappen Hüftjeans und ihre Rundungen waren doch ziemlich sexy. Jetzt wusste sie auch, dass sie in ihrem Roman mit ihrem Helden in einem alten VW-Bus durch Frankreich und Spanien nach Nordafrika fahren würde. Ganz sicher würden sie dort nachts keine Nachtfalter an die Scheiben klatschen lassen. Sie sah sich am Lagerfeuer sitzen. Und sie würden sich Geschichten erzählen von Nachtigallen und Afrikareisenden.
Nachtschatten
Die Nacht ist die Angst unserer Vorfahren. Mit diesem Satz im Kopf wachte Pedro auf. Schon das Öffnen der Augen verursachte ihm Schmerzen. Wo war er? Ah ja, wie immer sonntags lag er in seiner Zelle. Die Türe öffnete sich ächzend. Ein breiter Bauch drückte sich in den Spalt. Pedro schloss schnell wieder die Augen und stellte sich schlafend.
„Beweg deinen stinkenden Kadaver!“ Es dröhnte in Pedros Kopf, wenn er den fetten Dorfpolizisten plärren hörte.
„Schrei nicht so Sheriff“, Pedro erhob sich unter lautem Stöhnen und blieb auf der Kante der Pritsche sitzen. Scheiß Sonntag.
„Wenn du dich das nächste Mal wieder volllaufen lässt, dann kotze gefälligst draußen und nicht über die Theke“, donnerte Philipe und zog sich die Uniformhose ein Stück weiter hinauf. Sein Bauch hing über dem Koppelschloss wie ein mächtiger Berg, eingehüllt in ein ehemals beigefarbenes Diensthemd, das nur halb zugeknöpft seine schon grauen Brusthaare heraustreten ließ. Die Krawatte war längst verlorengegangen oder bei einer Rauferei zerrissen worden. Seine rechte Pranke lag auf der abgegriffenen Pistolentasche.
„Verschwinde endlich und melde dich morgen bei Mike. Der will, dass du ihm Fische ausnimmst. Sonst verlangt er, dass du die Sauerei von gestern bezahlst.“
Pedro schlenderte die Straße hinunter zum Strand, vorbei am weißen Haus des Don Sebastiano, dem hier seit einiger Zeit alles gehörte. Er setzte sich auf den umgedreht am Strand liegenden alten Kahn. Jetzt im Winter ging das. Im Sommer war der schwarze Teeranstrich klebrig. Der kühle Seewind strich durch sein krauses schwarzes Haar. Mit tiefen Atemzügen versuchte er sich frisch zu machen. Was war das nur für ein Leben geworden. Früher war er zu dieser Zeit schon draußen auf dem Meer gewesen und hatte einen Teil des Nachtfangs ins Boot geholt. Jetzt lohnte es nicht mehr die Netze auszubringen. Es gab kaum noch Fische. Die paar, die noch gefangen wurden, wanderten in die Töpfe der im Dorf zurückgebliebenen Familien und in die Fischsuppe der Kneipe.
Was war das noch heute früh für ein Satz, den er da im Kopf hatte? Die Nacht ist die Angst unserer Vorfahren. Langsam fange ich an zu spinnen, dachte Pedro. Morgen werde ich also erst mal wieder Fische ausnehmen. Wenn der Mike aber meint, dass er das umsonst bekommt, dann hat er sich geschnitten. Wer weiß, wer ihm über die Theke gekotzt hat, ich bestimmt nicht. Aber ganz sicher war er sich nicht. Er musste irgendwie klar kommen, denn zu Hause hatte er nichts mehr zu essen. Wenn er schon die Fische ausnehmen sollte, dann konnte er auch anschließend ein ordentliches Essen erwarten.
Pedro stand auf, zog seine Schuhe aus und ging über den kiesigen Sand zum Wasser. Das tat gut, die kalten, kleinen Wellen an den Füßen zu spüren. Seine Hose reichte nur bis kurz über die Waden und war in den Jahren ausgebleicht und löchrig geworden. Sie hing an seiner hageren Gestalt wie die ehemals weiße Anzugjacke seines Vaters, die er über dem tief ausgeschnittenen Shirt trug. Sie war das einzige Stück, das nach seinem Tod aufhebenswert gewesen war.
Sein Vater hatte ihn früh mit hinaus genommen. Er sollte auch Fischer werden, wie alle Söhne hier. Das war schon immer so gewesen. Anfangs ruderten sie die schweren Holzkähne hinaus, die größeren hatten zwei Ruderplätze, die doppelt besetzt waren. Es erforderte schon viel Kraft und harte Hände, die schweren Riemen durch die Wellen zu ziehen. Das Boot seines Vater war klein und wurde alleine gerudert. Zwei Riemen gleichzeitig zu bedienen erforderte noch mehr Kraft. Aber sie hatten auch einen Mast und ein Segel. Das benutzten sie, wenn sie gemeinsam zum Angeln nach draußen fuhren. Für die Stellnetze lohnte es nicht Segel zu setzen. Sie fingen viel, sodass es auf der Rückfahrt hinten im Kahn silbern wimmelte und zappelte. Bis dann eines Tages die Fischkutter auftauchten. Anfangs kauften sich manche noch Außenbordmotoren, um weiter draußen zu fangen. Doch die Kosten wurden nicht gedeckt, weil die Preise verdorben waren. Dann arbeiteten sie in der Fischfabrik. Als die dicht machte, wurde es hier still, und Vater starb kurz darauf. Seine Mutter war schon früher eines Tages mit einem aus dem Büro der Fischfabrik auf und davon.
Der Wind frischte auf, und Pedro spürte die aufgehende Sonne an seinem Rücken. Heute war Sonntag und Don Sebastiano bekam sicher wieder Besuch aus der Stadt. Ihm hatte zuletzt die Fischfabrik gehört. Nach und nach hatte er alles aufgekauft, was er bekommen konnte; auch den alten Schuppen von Pedros Vater, in dem er aber weiter wohnen durfte. In der Kneipe sprach man davon, dass er irgendwann das Dorf platt machen werde, um einen Ferienclub bauen zu lassen.
Pedro wendete sich zum Dorf, blinzelte in die Sonne und ging langsam am Strand entlang zurück zum alten Kahn, zog seine Jacke aus, rollte sie zu einem Kissen zusammen und legte sich neben das Boot in den Sand. Es war das Boot seines Vaters. Ausgeleert und nutzlos lag es am Strand. Pedro fühlte sich wie sein Boot. Er wusste nicht mehr, ob es ihm noch gehörte. Nach Vaters Tod war er einige Male alleine hinausgerudert, doch meist ohne Erfolg. Die Alten hatten noch Angst, dass hier alles vor die Hunde gehen würde. Er war da angekommen. Heute war Sonntag, morgen wird es Montag sein, dann Dienstag, und dann wird es wie jeden Tag sein. Irgendwo wird er etwas für ein paar Pesos reparieren. Irgendwer wird ihn zum Bier einladen. Am Samstag wird ihn der Sheriff aus der Kneipe holen. Wovor sollte er Angst haben.
Nachtschatten
Übermächtige Schatten ziehen durch die Nacht,
nagen fressend geopferte Seelen.
Sie schlagen weiter die längst verlorene Schlacht,
wollen mit Angst noch Opfer quälen.
Was soll da noch gewonnen werden,
wo außer Angst jetzt nichts mehr ist?
Ist das die Lust, wenn Menschen sterben,
nur weil auch du gefräßig bist?
Wer nichts mehr hat, hat noch sein Leben,
das man ihm auch leicht nehmen kann.
Warum aus Angst nach Rache streben,
dann fängt die Schlacht von vorne an.
Die Tage kommen und ziehen vorbei
im Takt der eigenen Ewigkeit.
Ein Mensch, der nichts mehr hat, ist frei,
umsorgt von himmlischer Seligkeit.
Gerhard Falk
„Seht die Vögel unter dem Himmel an:
sie sähen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen,
und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.
Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
(Matthäus 6, 26 Bergpredigt)
Die letzte Reise
Langsam verschwand das Land achteraus, und Lars war wieder mit sich alleine. Lächelnd schaute er aus dem Cockpit den Mast hinauf. Das Großsegel stand gut. Mit der rechten Hand hielt er die Pinne fest umschlossen und spürte dabei den leichten Druck des Ruders. Das war nun seine neue Gefährtin. Kurz entschlossen hatte er das alte Folkeboot gekauft. Die Nachricht vom Tode eines Segelkameraden nach schwerer Krankheit , die ihn vor einigen Wochen erreichte, war wohl der letzte Auslöser für seinen Entschluss gewesen, den lange gehegten Wunsch nun doch noch zu realisieren. Der Wind stand gut. In dieser frühen Morgenstunde war die Trave herunter kaum Schiffsverkehr .
„Pass auf dich auf. Gute Fahrt, und melde dich“, riefen sie ihm nach, als er ablegte. Die Fock back gestellt, das Großsegel leicht dicht geholt, war Lars ein Bilderbuchmanöver gelungen. Auf einen Außenbordmotor hatte er verzichtet. „Die laufen doch nicht, wenn man sie braucht“, war sein Kommentar auf besorgte Fragen gewesen. Dann holte er die Fock über, und seine „Lady“ nahm schnell Fahrt auf. Eine Weile noch stand er und winkte zurück. Die Rufe wurden vom auffrischenden Wind davon getragen.
Die Mecklenburger Bucht empfängt uns wie alte Bekannte, dachte Lars, als sie an der Insel Poel vorbei zogen. Auf See sprach er immer in der Mehrzahl. Sein Schiff war lebendig. Wenn es knarrte oder die Segel schlugen, dann sprach es mit ihm. So wie es jetzt seine Lady tat. „Na, altes Mädchen, wollen wir es noch einmal versuchen?“ Die alten Karten helfen uns aus der Ostsee heraus, überlegte Lars. Dann brauche ich nur noch den Übersegler und alles andere wird sich finden. Den GPS-Schnickschnack können wir uns schenken. Der Sextant, unsere alten Tabellen und die Kursdreiecke passen auch besser zu uns. Lars grinste bei diesem Gedanken. Hier auf dem Schiff war alles alt.
Das Echolot bestätigte ihm gegen Mittag, dass er an der Kadetrinne war. Für eine Kreuzpeilung war es zu diesig. Er hatte fleißig jede Stunde seine nach zurückgelegten Meilen gekoppelte Position eingetragen. Wie schnell sich doch eine solche Bordroutine wieder einstellt, ging es ihm durch den Kopf. In den nächsten Stunden bis in den Abend hinein war Lars mit Navigationsarbeit beschäftigt. Der Schiffsverkehr hatte über Tag zugenommen, aber er wählte den Kurs so, dass es ihm keine Probleme machte. Aus welchem Grund auch immer führte sein Kurs hinaus zur Nordsee, ohne dass er einen Hafen anlaufen wollte. So zogen in den folgenden Stunden alle wohlbekannten Orte backbord und steuerbord an ihnen vorbei und fanden keine Beachtung mehr. Lady und Lars hatten andere Ziele.
Irgendwann in der Nacht schaltete Lars auch die Positionslampen ein. Das ist mein erster Fehler gewesen, dachte er. Sie hätten viel früher brennen müssen. „Das laue Wetter und der stete Wind haben uns eingelullt, was Lady?“, nahm Lars das Gespräch wieder auf. „Heute Nacht wirst du mit der Selbststeueranlage Bekanntschaft machen.“ Lady legte sich in einer Böe leicht über. Lars deutete es als Zustimmung. Er schaute nach oben. Wie schön doch der Sternenhimmel ist. Keine anderen Schiffe waren rundum zu sehen. Er löschte die Positionslampen. Lady durchpflügte die See mit leisem Rauschen und hinterließ eine Kielwasserspur, in der sich das Sternenlicht zu brechen schien.
Das heftige Schlagen des Vorsegels holte Lars aus dem Schlaf. Die Sonne war gerade über den Horizont gestiegen. Lars zog die Pinne zu sich heran, und die Segel standen wieder wie sie sollten. Er hatte die Nacht verschlafen und Lady ihren Weg alleine genommen. „Braves Mädchen“, wurde sie von Lars gelobt. „Da hattest du aber die Segel gut getrimmt, dass sie so lange Kurs gehalten hat“, sprach er anerkennend zu sich selbst. Ob er nach der zurückgelegten Strecke dort war, wo er meinte, würde sich erst zeigen, wenn er die Mittagshöhe mit dem Sextanten schoss. Rundherum waren nur das Meer und seine Freiheit.
Er stieg hinunter in die kleine Kajüte und setzte sich auf eine der beiden Kojen. Der Mast, der von oben durch das Kajütdach bis hinunter zum Kiel reichte, knarrte leise unter dem Druck der Segel. „Na, du Kleiner, bist wohl mein blinder Passagier?“ Lars betrachtete den Schmetterling, der am Mast festgemacht hatte und mit den Flügeln pumpte. „Seit wann bist du denn an Bord?“ Der Schmetterling pumpte weiter und zeigte die bunte Oberseite seiner Flügel bei jedem Öffnen. Hielt er sie geschlossen, war er hellbraun. Lars beobachtet das Treiben seines Passagiers.
„Warum sind wir hier zusammen unterwegs?“ Stellte er jetzt dem Schmetterling diese Frage oder sich selbst? „Du hast dich sicher nur verirrt“, setzte Lars die Unterhaltung fort. „Ich wollte aber diese Reise.“ Auch wenn ich nicht weiß, wohin sie führen wird und ob ich zum Ausgangspunkt zurückkehre, fügte er in Gedanken hinzu. Sicher war er sich, dass er etwas hinter sich lassen wollte.
„Ich weiß, deshalb bin ich ja hier.“
Lars erschrak und sprang aus der Kajüte nach oben. Lady zog ihre Bahn, die Pinne war festgestellt, die Segel standen gut, rundherum kein Schiff, nur Meer. Aber niemand war an Bord gekommen. Habe ich jetzt schon einen Koller, oder bin ich nur übermüdet, fragte sich Lars und stieg wieder in die Kajüte. Er kochte sich auf dem kleinen Petroleumkocher Wasser und brühte einen starken Kaffee. Den Pott in der Hand wendete er sich wieder dem Schmetterling zu, der nun mit ausgebreiteten Flügeln immer noch am lackierten Holzmast saß. Lars betrachtete versunken seine schönen, großen Augen auf den Flügeln. Ein Pfauenauge vielleicht, doch Lars kannte sich mit Faltern nicht aus.
„Du bist richtig schön, und du schaust mir so tief in die Augen. Bleib solange du willst“, flüsterte ihm Lars zu. Er meinte leise sprechen zu müssen, damit er ihn nicht erschreckte.
„Danke, das ist lieb von dir“, antwortete ihm der Schmetterling und bewegte ein wenig die Flügel.
„Also habe ich doch keinen Koller, und du warst das vorhin?“
„Ja Lars, ich war das.“
Die Stimme war zart und weich und überall in der kleinen Kajüte. Lars konnte nicht genau bestimmen woher sie kam. Sie war einfach da.
„Warum bist du hier?“ Lars setzte das Gespräch wie selbstverständlich fort.
„Weißt du das nicht?“
„Vielleicht hast du dich nur verflogen und kannst jetzt nicht wieder zurück ans Land“, eine andere Erklärung konnte sich Lars nicht denken.
„Nein Lars, ich bin wegen dir hier.“
„Seit wann bist du an Bord?“
„Seit du in Travemünde abgelegt hast, Lars. Du hast mich nur nicht gesehen, weil du so beschäftigt warst. In der Nacht hast du geschlafen.“
„Aber das gibt es doch gar nicht, dass Schmetterlinge sprechen und zur See fahren“, er sprach wie mit einem Crewmitglied, das ganz selbstverständlich an Bord war.
„Ach Lars“, antwortete der Schmetterling, der schon kein blinder Passagier mehr war, „es gibt viel mehr, was eigentlich nicht sein kann, bis du es dann doch entdeckst.“
Lars trank seinen Kaffee und betrachtete seinen Reisegefährten.
„Wie heißt du? Hast du einen Namen, oder soll ich dich ‚Schmetterling’ nennen?“
„Das bleibt dir überlassen, Lars. Ich habe jeden Namen“, sagte der Falter und flatterte auf. Nach einer Kurve um den Mast setzte er sich Lars gegenüber an den unteren Fensterrand des Steuerbordfensters. Lady hatte etwas Neigung nach Steuerbord, und Lars sah auf ihn herunter.
„Ich werde dich ‚Nachtfalter’ nennen“, sagte er, „weil du mich durch die Nacht begleitet hast.“
„Das ist ein schöner Name, Lars. Vielen Dank.“
„Lars, darf ich dich etwas fragen?“
„Aber sicher, mein lieber Nachtfalter.“
„Weißt du denn, warum du hier bist?“
Lars war überrascht von dieser Frage. Er schaute an Nachtfalter vorbei nach draußen auf das Meer, auf dem er sich mit Lady in einem sanften Rhythmus vorwärts bewegte. Die Wellen hatten einen gleichmäßigen Takt, und Lars fühlte sich so wohl. Doch er fand keine schnelle Antwort auf die Frage.
„Soll ich dir helfen, Lars?“
„Ja, wenn du es besser weißt, bitte“. Er sah gebannt auf seinen Schmetterlingsfreund, den er jetzt schon glaubte sehr lange zu kennen.
„Du wolltest deine letzte Reise antreten, Lars. Du wolltest alles hinter dir lassen und nicht zurückkehren. Erinnerst du dich?“
Lars sackte nach hinten an die Rücklehne und schloss die Augen. Ja richtig. Er wollte seinem Ende davon segeln, er wollte noch einmal ein großes Erlebnis haben, und dann sollte Schluss sein.
„Ja Lars, das war dein Grund für diese Reise.“
Es war lange still nach diesem Satz. Keiner von beiden sprach etwas. Lady segelte alleine einem unbekannten Ziel entgegen. Sie benötigte in dieser Stunde keine steuernde Hand.
„Lars, bist du noch da?“
„Ja, Nachtfalter.“
„Weißt du auch warum du noch da bist?“
„Nein, sag du es mir.“
„Weil du nicht bestimmst, wann du auf deine letzte Reise gehst.“
Lars öffnete die Augen und sah zu Nachtfalter hinüber. Doch am Fensterrand saß niemand mehr.
Die Umzugsbeichte
Umzug. Mayer zuckte zusammen als er das Wort auf dem Zettel las. Kleine Schweißperlen sammelten sich auf seiner kalten Stirn. Er wischte darüber und fühlte sich elend. Sein Magen krampfte sich zusammen. Als wolle er sich übergeben lief er in Richtung Bad, sank aber dann doch auf sein Bett. Da hockte er jetzt und schaute hinaus. Draußen lag der Vierwaldstättersee im grauen Nieselregen. Heute Früh hatte er sich im Fähri-Hotel ein Zimmer genommen – ohne Frühstück. Mayer fastete seit Aschermittwoch und jetzt war bald Ostern.
Die ganze Nacht war er gefahren, ziellos scheinbar von Mainz aus. Gegen Mitternacht war er in Basel. Doch er fuhr weiter. Irgendwann stand er dann auf dem Parkplatz vor dem Hotel. Warum gerade hier wusste er nicht. Er sank hinter dem Steuer zusammen und schlief bis es draußen hell wurde. Der Hotelier an der Rezeption wunderte sich über diesen frühen Gast, der nur eine kleine Tasche bei sich trug, ein Einzelzimmer ohne Frühstück wollte und dann gleich darauf im Zimmer verschwand. Er hatte sich als Carl Vögeli eingetragen. Komischer Kauz. Ein Deutscher eben aus Mainz, und dann heißt er Vögeli?
Mayer hatte die Vitrine im Foyer angestarrt, bevor er die Treppe nach oben stieg. Da waren Fastnachtspuppen drin, in die man wie beim Kasperle eine Hand stecken konnte. Sie hatten alle ganz fürchterliche Fratzen. Diese Fratzen jagten ihm jetzt durch den Kopf, so wie er da auf seinem Bett hockte. Da vorne auf dem Tisch am Fenster lag der alte vergilbte Zettel. Es war ein Telegramm. Heute würde man eine Email geschickt haben, dann wäre das alles nicht passiert. Doch damals gab es diese Telegramme, auf die die Papierstreifen mit Wörtern geklebt wurden. Sie ratterten bei der Post aus einer Maschine, wurden aufgeklebt und dann vom Postboten sofort zugestellt.
Er ließ sich aufs Bett sinken und schloss seine Augen. Morgen könnte er in Gersau in die Kirche gehen und beichten. Aber er war nicht katholisch. Vielleicht aber war auch die Kirche eine evangelische. Da konnte er anonym nur mit seinen Gedanken beichten. Würde ihm der Pastor seine Gedanken ansehen? In so einem katholischen Beichtstuhl ging das vielleicht besser. Da sah er den Pfarrer nicht und konnte doch seine Beichte laut aussprechen. Würde ihm der Pfarrer vergeben oder Gott ganz persönlich?
Doch was sollte er denn beichten? Es war ja schon so lange her. Aber doch war es seine Leiche im Keller. Er hatte sie damals von Basel mit nach Mainz genommen. Heimlich. Sein Vater sollte es nicht wissen. Ob er es ahnte? Sie hatten nie darüber gesprochen. Damals in Basel klingelte es an der Wohnungstüre. Er ging hin, öffnete dem Postboten und nahm das Telegramm entgegen. Niemand außer ihm war zu Hause gewesen. Vater war die Woche über in Mainz auf der Arbeit und Mutter war einkaufen, als er aus der Schule kam. Also nahm er das Telegramm entgegen, öffnete es und las. Dann versteckte er es in seinem geheimen Kasten unten im Schrank. Später, als die Familie nach Mainz umgezogen war, befand es sich noch immer unten im Kasten und auch die Jahre darauf.
Es verfolgte ihn sogar in die Schule. Dort machten sie sich über ihn lustig, als sie Carl Zuckmayers Fastnachtsbeichte lasen. „Carl Mayer ist ein Zucker mit einer Leiche im Keller“, er litt ganz fürchterlich. Er hatte ja wirklich seine Unterschlagung, seine Leiche im Kasten aber doch auch irgendwie im Keller. Fastnacht machte ihm seitdem überhaupt keinen Spaß. Ja es verfolgte ihn regelrecht. Bis er jetzt geflohen war, einfach weg. In Basel hätte er absteigen wollen. Doch dann hatte ihn der Mut verlassen und er war jetzt hier gelandet. Im Fähri-Hotel. Und die Fratzen höhnten ihn an. Sie waren schon vor ihm da.
Seine Eltern waren gestorben und seine Chance für ein Geständnis mit ihnen. Er war in Mainz geblieben, obwohl er nie dort hin wollte. Es hatte ihn regelrecht festgeklebt. Das ganze Jahr über ging es gut. Doch an Fastnacht, da kam es immer in ihm hoch. Er versuchte alles Mögliche, um es zu unterdrücken. Zuletzt versuchte er es mit dem Fasten. Das kam ihm dann wie eine gerechte Strafe vor. Doch geholfen hatte es nicht. Mayer schlief ein. Der Abend kam und er schlief die ganze Nacht.
Am Morgen fuhr er los und landete irgendwo in einer katholischen Kirche in einem Beichtstuhl. Das Telegramm steckte in seiner Tasche. Er las es dem Priester vor: „Wir haben eine Wohnung gefunden. Stopp. Umzug zum nächsten Ersten. Stopp. Erbitten Antwort telegrafisch bis morgen. Stopp.“ Auf die Frage des Beichtvaters, warum denn das nun so schlimm gewesen sei, dass er es Jahrzehnte seinen Eltern nicht beichten konnte, schwieg er erst. Dann gestand Carl Mayer stotternd. Er habe damals nicht nach Mainz umziehen wollen. Er wollte in Basel bei seinen Freunden in seiner Schule und überhaupt in seiner Stadt bleiben. Die Wohnung hätten sie damals nicht bekommen und sein Vater sei noch weitere drei Monate jede Woche nach Mainz gefahren. Als seine Eltern später von dem abgeschickten und nicht angekommenen Telegramm erfuhren, konnte man sich bei der Post nicht mehr erinnern. Der Priester verkündete ihm auch als Evangelischem die Vergebung.
Mayer fuhr zurück ins Fähri-Hotel und bestellte sich ein großes Frühstück.
Das eingebildete Regal
„Schön, dass sie so schnell kommen konnten, mein Lieber!“
Was war denn das nun schon wieder? Mein Lieber? Der spinnt wohl der Arsch und so was ist nun mein Chef? Ich erhebe mich und gebe ihm die Hand.
„Kein Problem, guten Tag.“
„Aber behalten sie doch Platz.“
Ich setze mich wieder und Arsch lässt sich neben mich auf das Ledersofa plumpsen. Beide schauen wir nun auf die große Regalwand, voll mit Buchrücken, die in fast bedrohlicher Nähe kaum einen Blick links und rechts durch die Fenster in den Garten ermöglichen. Nur der Couchtisch mit seiner Glasplatte auf dem Berberteppich schafft etwas Distanz.
Mit einem selbstzufriedenen Seufzer ohne den Blick vom Bücherregal abzuwenden beendet er die schon fast peinliche Pause mit:
„Schön, was?“
„Was bitte?“
„Na die Bücher!“
„Ja, ja ganz hübsch.“
„Wie? Hübsch? Grandios, mein Lieber, grandios. Alles Gesamtausgaben, Klassiker, in Leder. Das sind Schätze!“
„Klassiker sind Bücher, die die Menschen loben aber nicht lesen.“
„Sie sind ja ein Scherzkeks, mein Lieber.“
„Ist nicht von mir, ist ein Zitat von Hemingway.“
„Hemingway? Arbeitet der auch bei uns?“
„Nein, der lebt nicht mehr. War ein amerikanischer Journalist und Schriftsteller.“
„Naja, muss man ja auch nicht kennen.“
„Ne, nicht unbedingt. Hat halt mal den Literaturnobelpreis bekommen. Gibt ihn aber, glaube ich, nicht in Leder gebunden. Ich lese auch meistens nur Taschenbuchausgaben, die sind billiger.“
„Muss ja nicht, muss nicht, mein Lieber. Sind ja auch Liebhaberstücke, meine Schätzchen da drüben. Was lesen sie denn so?“
„Ach ich lese grad mal wieder Der kleine Prinz.“
„Prinz, Prinz? Da fällt mir ein: Meine Frau fährt jetzt zu einem Konzert mit den Prinzen. Das ist nichts für mich, ich find den Wagner besser. Aber da kann sie ihre Freundin mitnehmen. Ich habe ihr nämlich einen eigenen Wagen geschenkt. Das A-Modell von Mercedes. Meiner ist ihr sowieso zu groß.“
„A-Modell? Sind das die, die in Schweden immer umgefallen sind?“
„Mein Lieber, jetzt machen Sie aber Scherze. Das war nur am Anfang. Jetzt sind die vollgestopft mit der modernsten Technik. Kostet ja auch ne Kleinigkeit.“
Wenn der nicht bald mit seinem ‚mein Lieber’ aufhört, bringe ich ihn um. Hier reißt er den Hals auf, macht auf dicken Macker und im Büro lebt er von meinen Ideen.
„Der Kleine Prinz, ist das bekannteste Werk von Antoine de Saint-Exupéry.“
„Wie, was? Ach so, das Buch, das sie lesen. Ein Roman?“
„Nein, ein modernes Märchen.“
„So, so. Kürzlich erschienen?“
„Nein, schon 1946, aber immer noch modern.“
„Das haben Sie sicher für ihre Kinder gekauft.“
„Nein. Es ist auch für Erwachsene. Ich besitze es schon immer und habe es oft gelesen.“
„So spannend ist das?“
„Ja, der kleine Prinz trifft die unterschiedlichsten Menschen.“
„Welche?“
„Zum Beispiel trifft er einen Eitlen.“
„Wie, was macht der?“
„Er zieht immerfort seinen Hut vor seinen Bewunderern.“
Jetzt hab ich ihn, jetzt trete ich ihm endlich in seinen dummen Arsch.
„Als ihn der kleine Prinz fragte, was das denn sei, das Bewundern. Da habe ihm der Eitle erklärt, seine Bewunderer hätten erkannt, dass er der schönste, bestangezogenste, reichste und intelligenteste Mensch des Planeten sei. Nur eines hatte der kleine Prinz damals vergessen.“
„Was denn, mein Lieber, was denn?“
„Dass er zu Hause das dickste mit ledergebundenen Klassikern gefüllte Bücherregal für den dümmsten Nichtleser des Planeten zwischen zwei Fenstern besitzt.“
So, mein Lieber, jetzt habe ich dir in deinen dummen Arsch getreten. Obwohl das bestimmt noch der intelligenteste Körperteil bei dir ist. Einmal jedenfalls habe ich gemacht, was ich schon immer wollte. Und morgen, mein Lieber, morgen bringe ich dich vielleicht auch noch um.
Doch jetzt klingelt der Wecker und ich muss ins Büro.
