Du musst es für möglich halten!

“Du musst es für möglich halten!” Dieses Zitat eines Schamanen bringt die Ethnologin Dr. Amélie Schenk von einer Forschungsreise aus dem tibetischen Himalaya mit. Es bedeutet sicher auch, dass man unvoreingenommen wahrnehmen solle, was uns begegnet. Vorurteile verstellen uns oft den Blick. Aber es könnte auch zum Lebensmotto werden und eine Haltung zu den eigenen Möglichkeiten sein. ‘Du weißt nie, ob Du es kannst, bevor Du es versucht hast’, ist auch so ein Leitmotiv. Wobei man immer mehr als nur einen Versuch hat, in der Regel jedenfalls.
 
Anfang Mai werde ich mit meiner Frau Reinhold Messner in Südtirol auf Juval treffen. Ganz sicher werde ich ihn nach diesem Satz befragen und wie er ihn interpretiert.
Zur Sommersonnenwende werde ich beim Midsummer-Bulli-Festival auf Fehmarn sein. Anschließend möchte ich mit meinem Kajak die Insel umrunden. Natürlich nehme ich meinen Schlafsack und das Zelt mit an Bord, denn an einem Tag wird mir das auch bei guten Bedingungen kaum gelingen. Dass es mir überhaupt gelingen wird, das “halte ich für möglich”, und deshalb will ich es versuchen.
 
Was halte ich in diesem Jahr noch für möglich? Es drückt mich ganz besonders der Gedanke, dass unsere Gesellschaft sich in eine fremdenfeindliche entwickeln könnte. Quasi als ein Abfallprodukt der Machtspielchen einer CSU, die wie entfesselt mit Stimmungen spielt. Als erklärtes Ziel einer rechten Szene, deren Protagonisten sich bei AfD, Pegida, NPD und in nicht wenigen Redaktionen finden. Alle haben ihre mehr oder weniger erklärten Ziele, für die sie in der Gesellschaft Stimmungen entfachen, die sich zu einem Flächenbrand entwickeln können. Deutschland und Europa haben wieder ihre gefährlichen Brandstifter, die sich formieren, eine alte Geschichte erneut zu beleben. “Du musst es für möglich halten!”
 
Genauso müssen wir es aber auch für möglich halten, dass wir dies verhindern können und müssen!
 
So haben wir für dieses neue Jahr in allem, was wir anstreben und in die Tat umsetzen, nicht nur einen Versuch, sondern jeden Tag die Möglichkeit neuer Versuche.
Viel Glück!
(05.01.2016)

Einfach wegklicken!

Wenn das so einfach wäre. Nein, "wegklicken" geht nicht. Für einen kurzen Moment kann man die Augen verschließen, doch dann sind sie wieder da, diese Bilder vom Hass und der Gewalt in einer Welt, vor der wir uns nicht drücken können. Wir sitzen mitten drin, auch wenn unsere Sessel wohlgepolstert sind. Der Boden aber unter diesen Sesseln wackelt, und die Wellen des Blanken Hans' schlagen schon an die Fensterkreuze. Wir hier im goldenen "Westen" einer angeblich zivilisierten Welt haben den Wind gesät, der jetzt als Sturm geerntet wird. Da helfen auch keine höheren Deiche.

Immer mehr Wachstum singend tanzen wir um unsere goldenen Kälber. Sie aber sind ungenießbar für Menschen mit Hunger. Der Hunger der Körper und der Hunger der Seelen nach Freiheit und Gerechtigkeit wird nicht gestillt, wenn wir den Markt predigen. Einen "Markt", der nicht durch den Mechanismus von Angebot und Nachfrage gesteuert wird, sondern von brutaler Habgier und der verordneten Konsumdroge.

Niemand kann sagen, er hätte das nicht gewusst und wäre deswegen unschuldig. Wir wissen es alle. Da hilft kein Wegklicken.

Im neuen Jahr werde ich wohl wieder ein paar brave Bildchen knipsen oder etwas Poesie verbreiten, vielleicht werde ich mich nicht ganz heraushalten und mir mit ein paar zornigen Worten Luft verschaffen, vielleicht auch irgendwo demonstrieren und dann glauben, ich sei auch nur ein Tropfen, der verdampft bevor er den heißen Stein erreicht. Doch bei alle dem bleibt vielleicht die kleine Hoffnung, dass der stete Tropfen den Stein höhlt und dass viele solcher Tropfen ein Meer werden könnten……..

In diesem Sinne wünsche ich euch, meine lieben Freundinnen und Freunde ein hoffnungsvolles neues Jahr. Es war schön, dass ihr mich im vergangenen hier und da ein Stück des Weges begleitet habt.

Wir werden uns sehen, irgendwo im Meer, und dann werden wir uns erkennen!

(30.12. 2014)

Früher war mehr Lametta!

Natürlich war früher alles besser. Wir waren jünger und vor allem hoffnungsvoller. Immer mehr klagen wir, dass wir zu wenig Zeit hätten. Andere meinen, wir verplemperten unsere Zeit. Leichtfertig gingen wir mit unseren Talenten und Begabungen um. Gottvergessen würden wir ums Goldene Kalb tanzen. So ähnlich las ich es in einem Wort für die 54. Woche. Umkehren solle ich. Nicht umkehren in der Zeit, sondern auf dem falschen Weg sei ich unterwegs. Ich hätte mich von Gott losgesagt und Jesu sei meine Umkehr. Und in dieser Umkehr solle ich mich auf meinen Acker beschränken, die Welt sei zu groß für mich.

Das beschäftigt mich. Es beschäftigt mich schon immer. Vermutlich beschäftigte das auch schon alle Generationen vor mir. Und? Hat es geholfen? Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten: Irgendwelche Statistiken bemühen und feststellen, dass es besser geworden ist, weil die gewählten Bezugspunkte keine andere Feststellung erwarten lassen. Wechselt man sie, dann kommen beliebig andere Ergebnisse hervor. Oder ich gehe nach dem gefühlten Zustand der Welt und den gefühlten früheren Zeiten. Dann käme vermutlich heraus, dass das Risiko des Unterganges größer geworden sei. Weltweit wird zur Umkehr aufgerufen, doch die Risiken steigen.

Meine Lebensmitte war geprägt von der Feststellung, die Mächte hätten Waffen angesammelt, mit denen man die Welt mehrfach auf einen Schlag vernichten könnte. Die kalten Krieger predigten die Aufrüstung, weil nur Abschreckung helfen könne. Auch heute verteidigen sie dieses Konzept und erklären im gleichen Atemzug, man müsse abrüsten. Aber gerade das geschieht nicht wirklich, sondern bestenfalls symbolisch für den schönen Schein.

Meine Lebensmitte war geprägt vom vermeintlichen Wirtschaftswunder. Und heute wundern wir uns, warum vom Wachstum kein wirklicher Segen ausgeht. Bei der Jagd nach Ressourcen verbrauchen und zerstören wir die Lebensgrundlagen aller Menschen, besonders derer, die wegen uns weltweit hungern und sterben. Das ist auch ein Weltkrieg.

Meine Lebensmitte war geprägt vom Aufwachsen unserer Kinder. Habe ich genug getan, dass ihre Hoffnung über den Tag hinaus reicht? Ich sehe sie auf einem guten Weg. Vermutlich sind sie schon öfter umgekehrt als ich. Das wäre doch ein Fortschritt – oder?

Für das neue Jahr wünsche ich uns die Hoffnung, die es braucht, um auf Wegen umkehren zu können, die keine wirkliche Zukunft bedeuten.

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Wie die Welt aussieht hängt von der Perspektive ab, aus der heraus man sie betrachtet. © Gerhard Falk