„Aus dem Leben eines Taugenichts“

 

Nach der Morgentoilette gehe ich Einkaufen. Gegen 12.00 Uhr, das Radio verrät mir die Zeit, frühstücke ich: 2 Flensburger (süße Brötchen), mit dem Rest von Irenes Marmelade und neuer Heidelbeerkonfitüre, 1 Liter frische Milch, 2 Tassen Kaffee. Ich spüle, was etwas länger dauert, weil noch Geschirr von gestern (1 Topf, 1 Teller, 1 Löffel und ein Schöpflöffel) liegen geblieben sind. Dabei höre ich Radio. Mit dem Rest des Abwaschwassers putze ich den Kajütenboden auf, wozu ich für den Teil vor der Maststütze die linke Hand und für den hinteren Teil die rechte Hand benötige; woraus man unschwer schließen kann, dass ich dies sitzenderweise von der Backbordkoje aus erledige. Dies ist mein bevorzugter Frühstückplatz, weil ich von dort ohne aufzustehen sowohl das Radio (mit links) als auch den Kocher (mit rechts) erreichen kann. Außerdem kann ich ohne den Hals sonderlich verrenken zu müssen, das Barometer ablesen und mich so kauenderweise über die Wetterentwicklung unterrichten. Danach ruhe ich zunächst und denke dabei ohne große Anstrengung eigentlich an …. gar nichts.

 

Frisch erholt unternehme ich einen Weg zur Toilette und denke dabei noch einmal an eine Bemerkung, die gestern am Abend ein älterer Herr fallen ließ, der mich dabei beobachtete, wie ich fachgerecht eine Weinflasche von ihrem Korken befreite: „Na, wollen sie ein Fest vom Zaune brechen?“ Worauf ich entgegnete, dass ich dies abzuwarten gedenke. Der am Morgen recht unaufgeräumte Zustand meiner Kajüte und die Tatsache, dass ich den Morgen auf den Mittag verlegte, lässt vermuten, dass es doch eine kleinere Ein-Mann-Bord-Party wurde. Wie weise doch ältere Herren gewisse Entwicklungen vorauszusehen in der Lage sind.

 

Während ich dies zu Papier bringe lässt sich einen Wespe, die es hier zurzeit reichlich gibt, auf meinem Schreibblock nieder. Nachdem ich ihr klar machte, dass sie doch des Lesens nicht kundig sei, zieht sie weiter ihres Weges, ohne zu wissen wohin (?). Sie kehrt nochmals wieder, doch es kann auch eine andere gewesen sein, sie sind recht schwer voneinander zu unterscheiden.

 

Doch zurück zu meinem Tagebuch: Ich wasche zwei Hemden heraus, die ich noch gestern eingeweicht habe und hänge sie auf zwei Gummispanner zwischen den Oberwanten und dem Mast auf. Im Waschwasser weichen jetzt noch einige Paar blaue Socken, damit ist der Waschbedarf erschöpft.

 

Sodann begebe ich mich wieder in die Koje, um nach getaner Arbeit verdiente Ruhe zu suchen. Zum Schlafen benutze ich die Steuerbordkoje, weil ich dort nicht Gefahr laufe, mit den Füßen gegen das Radio zu treten. Unbequem dabei ist lediglich, dass ich zum Löschen des Kajütenlichts und zum Ein- und Ausschalten des Radios mich weit nach vorn und nach Backbord hinüberbeugen muss. Nützlich ist allerdings, dass Rücken- und Bauchmuskeln so eine gewisse Anstrengung bereitet wird, was dem ganzen einen sportlichen Anstrich gibt.

 

Ein Glas eingemachter Erdbeeren bereitet dem Nachmittag einen süßen und erfrischenden Abschluss. Ich lagere meine Vorräte unter den Kojen mit dem Effekt, dass sie dort recht kühl bleiben.

 

Für den Abend habe ich zwei Bratwürste und Kartoffeln im Glas besorgt. Ich werde sie als Bratkartoffeln zubereiten. Dazu wird es Tomaten und Gurkensalat geben, in den kleine Zwiebelstückchen geschnitten werden. Als Getränk werde ich Büchsenbier servieren, was des besseren Geschmacks wegen aus dem Glas getrunken wird, außerdem ist es feiner. Einen gewissen Lebensstil sollte man auch an Bord weiter pflegen, damit die spätere Wiedereingliederung in die Zivilisation nicht zu mühsam wird.

 

Was meine Konversation anlangt, so wird sie heute wohl noch keine 10 Sätze erreicht haben. Doch ich vermisse nichts. Dafür beobachte ich - wie mir scheint - viele kleine Dinge wesentlich aufmerksamer, als ich dies von früher gewohnt bin. Ich denke mit viel Sympathie an die Daheimgebliebenen und grüße als gegenwärtiger Bordtaugenichts im sonnendurchfluteten Hafen von Arnis in Gedanken alle „Landratten“. Auf dem Schild an der Toilettentüre seht: Nur für Hafenlieger! Ich nehme dies offensichtlich wörtlich.

Nächstes Kapitel.

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Wie die Welt aussieht hängt von der Perspektive ab, aus der heraus man sie betrachtet. © Gerhard Falk