Endlich: „Leinen los!“

 

Heute geht es los! Wind 4 Bf., SO, gegen Abend Gewitter aber da bin ich schon im Hafen von Lindaunis vor der Brücke. Olaf und Bärbel sind mit meinem Auto nach Kappeln zum Einkaufen. Ich mach das Schiff klar zum Auslaufen. Little Wonder ist ungeduldig wie ich. Vorsichtshalber nehme ich zunächst ein Reff ins Großsegel, ich will ja keine Regatta gewinnen. Bei raumen Winden läuft sie nachher immer noch 3 – 4 Knoten.

Als Dankeschön für meine Hilfe bringen mir meine neuen Freunde einen schönen, verschließbaren Messingaschenbecher für die Kajüte mit. Ich freue mich sehr darüber. Endlich müssen die Schnapsgläser nicht mehr zweckentfremdet werden.

Gerade fängt es während ich schreibe an zu regnen, das Gewitter wird wohl noch kommen. Die Luft ist trotz des leichten Windes schwülig, ein diffuses Licht, dunkle schwere Wolken bedecken den Abendhimmel. Aber zurück zum Morgen: Olaf berichtet von dem Segler am Stegplatz gegenüber, bei dem sie am Abend vorher auf seinem Stahlschiff, einer Colin Archer, zu Gast waren. Hans-Joachim Kuhlenkampf ist jetzt das Thema, mit ihm ist der Colin-Archer-Kapitän befreundet, und bei Kuli sind sie heute Abend zu Gast. Er liegt mit seiner Motoryacht gegenüber bei der Werft Matthiesen & Paulsen. Na, da ist die Aufregung bei den beiden groß. Wenn ich sie wieder treffe, werden sie sicher viel zu erzählen haben.

Olaf hilft mir beim Ablegen. Allgemeines Hallo, und ich bin aus dem Hafen, meinem ersten Kurztörn entgegen. Der Motor muckert beim Verlassen des Hafens etwas. Der Gang lässt sich schwer schalten, und er läuft auch nicht sauber, trotz der Inspektion, die ich noch am Edersee habe machen lassen. Vielleicht läuft er sich noch frei, er hatte ja immerhin 4 Jahre Pause.

Das Großsegel und die Fock stehen und vorbei geht es mit hochgeklapptem Außenborder nur unter Segeln an den Werftgebäuden von Arnis. Die Seilfähre muss ich passieren lassen, und dann läuft Little Wonder hinaus in die sich nach Lindaunis zu öffnende Schlei. Vorbei an der Enge, wo ich vor 4 Jahren mit Irene wegen zu hoher Wellen hatte umdrehen müssen. Ach, wäre sie jetzt dabei, sie würde begeistert sein. Mein Schiffchen läuft mit der Welle gute 4 Knoten und erhält anerkennende Worte von entgegen kommenden Seglern und Motorbootkapitänen.

Ich sitze – jetzt immer entspannter – in Lee und trimme die Segel auf die richtige Stellung. Vorbei rauscht das Wasser der Schlei, und an den Ufern ziehen kleine mit Ried gedeckte Fachwerkhäuschen achteraus. Nach knapp 5 Seemeilen bin ich bei Lindaunis. Ich kreuze noch etwas vor der Brücke auf und ab, dann finde ich einen schönen Liegeplatz im Hafen. Bin ich jetzt glücklich!

Blitze zucken, Donner grollen, und der Regen prasselt auf das Kajütdach. Doch in der Kajüte ist es trocken und gemütlich. Das Radio spielt, und ich werde mir jetzt einen Tee mit Rum bereiten. Hart ist das Seemannsleben meine Lieben zu hause in euren Steinhäusern mit Strom aus der Steckdose und Wasser aus der Wand. Aber um nichts in der Welt wollte ich jetzt mit euch tauschen. Ich sinke in meine harte Koje und werde in das Traumland segeln. Ja, ja: hart ist das Seemannsleben!

Nächstes Kapitel.

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Wie die Welt aussieht hängt von der Perspektive ab, aus der heraus man sie betrachtet. © Gerhard Falk