Kontraste

 

Auf dem Rücken im Cockpit liegend blinzele ich durch die Sonnenbrille in den blauen Himmel und verfolge den Weg der mächtigen Wolkenfelder, die vom Südwest getrieben davoneilen. Mächtig türmen sie sich empor. Am unteren Rand regengrau und nach oben schneeweiß werdend. In den nahen Pappeln zaust der Wind an den Blättern und lässt sie wild rauschen, biegt die Baumwipfel nach Norden zu. Eine Schar Rabenkrähen fliegt auf und zerstreut sich in alle Richtungen. Die Sommersonne brennt noch einmal kräftig auf der Haut und verschwindet jäh wieder, wenn ein vorübereilendes Wolkenfeld sie verdeckt. Zwischen den Wanten flattern frisch gewaschene Socken im Wind. Ich liege wieder im Hafen von Arnis.

 

Gestartet war ich heute bereits um 8.00 Uhr. Ein leichter Morgenwind, gegen welchen ich aufkreuzen musste, führte mich der Enge bei Arnis entgegen. Innerhalb kurzer Zeit zog sich die zunächst strahlende Sonne hinter einer grauen mächtigen Wolkenwand zurück. Ich ziehe mein Ölzeug über und binde ein Reff ins Großsegel. In der Enge selbst muss ich den Außenborder zu Hilfe nehmen, weil zum Aufkreuzen zu wenig Raum bleibt, und ich auf die Seilfähre achten muss, die am frühen Morgen ständig hin- und herzieht, wohl um Autofahrer auf dem Weg zur Arbeit überzusetzen. Ausgangs der Enge erwarten mich eine recht stürmische See und ein kräftig blasender Südwest. Der Motor läuft nicht richtig. Mehrmalige Ziehen am Choke lässt in wieder freudig aufheulen. Ich muss mich demnächst erkundigen, was die Ursache sein kann. Für diesmal nehme ich ihn hoch, denn ich bin mittlerweile durch die Enge hindurch.

Little Wonder legt sich trotz gerefftem Groß so weit über, dass die Wanten in der Welle ins Schleiwasser eintauchen. So ziehe ich einige Schläge Lindaunis entgegen. Einsetzende Regenschauer und für den Abend angekündigte Gewitter lassen mich vor den Wind drehen, Arnis entgegen. Im Nu rausche ich jetzt durch die Enge, durch die ich noch vor gut einer Stunde Mühe hatte hindurch zu kommen.

 

Ich treffe einen stillen Hafen an, es ist vielleicht 11.30 Uhr. Genau weiß ich es nicht. Seit heute morgen versagt meine Uhr ihren Dienst. Vermutlich ist die Batterie leer. Auch das Armband ist abgerissen. Ich werde bei nächster Gelegenheit einen Uhrmacher aufsuchen. Doch im Augenblick spielt die Zeit für mich eine untergeordnete Rolle. Nur gelegentlich denke ich an die noch verbleibenden Urlaubstage. Bin ich in der Hälfte? Oder vielleicht schon darüber?

Little Wonder findet allseits in den Häfen große Beachtung. Jeder meint, dass sie vielleicht auch etwas für ihn sei, selbst junge Leute sind begeistert von der alten Dame. Komisch, je mehr das Schiffchen anderen gefällt, um so weniger denke ich ans Verkaufen. Heute hat sie wieder gezeigt, wie stabil sie Wind und Wellen standhält.

 

Ein in einiger Entfernung tuckernder Rasenmäher holt mich vom Träumen zurück. Einige Familien aus dem Hafen kehren vom Spaziergang zu ihren Schiffen zurück. Es ist Nachmittag geworden. Ich habe jetzt zu entscheiden, ob die noch eingeweichten Unterhosen heraus zu waschen sind oder ob ich mich wieder in die Kajüte lege und das angefangene Buch von der Wanderung der Kaninchen (im englischen Titel „Watership down“) weiterlese, das ich jüngst in Kappeln erstanden habe. Ich werde das Für und Wider abwägen und mich für eines von beiden entscheiden oder gar eine dritte Möglichkeit ergreifen, von der ich im Augenblick noch nicht weiß, welche sie sein könnte.

Nächstes Kapitel.

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Wie die Welt aussieht hängt von der Perspektive ab, aus der heraus man sie betrachtet. © Gerhard Falk