Nacht der Schrecken – Orkan über der Ostsee

 

 

Ja, da liegt sie nun unter mir, strahlend blau im hellen Sonnenschein: die Flensburger Förde - so als sei nichts geschehen.

 

Ich sitze bei Frau Höck im Garten und habe das herrlichste Panorama, das man sich denken kann. So friedlich war es hier vor zwei Tagen nicht. Es fing eigentlich ganz alltäglich an. Aus Sonderborg kommend hatte ich mir ein Plätzchen ganz hinten im Hafen von Langballigau gesucht, gerade gegenüber der Slippbahn, wo ich meine Little Wonder wieder aus dem Wasser ziehen wollte. Wie sich später herausstellen sollte, war das meine Rettung gewesen.

 

Der Wetterbericht kündigte für Sonntag und die Nacht auf Montag bis 8 Windstärken und Schauerböen an. Am Tage war das alles noch ganz in Ordnung, doch zum Abend legte der Wind kräftig zu, und es stand bereits viel Schwell auf den Hafen, so dass die zur Einfahrt hin liegenden Boote ganz schön zu schaukeln anfingen. Die Masten im Hafen schwankten hin und her, so als wollten sie einen wilden Tanz miteinander tanzen. Trotz des einsetzenden Regens ließ der Wind nicht an Heftigkeit nach. Ich bereitete alles auf schweres Wetter vor: das Schiff weiter weg vom Steg und die Leinen etwas gestreckt, so dass Little Wonder sich mit den Wellen bewegen kann und keine zu große Ruckbelastung auf den Klampen entsteht. Mit einbrechender Dunkelheit dann hatten sich Wind und Regen bereits zum heulenden Sturm entwickelt. An’s Schlafengehen war nicht zu denken. Der Sturm drückte das Wasser in den Hafen, das beständig im Steigen begriffen war.

 

Der Seegang aus der Förde steht jetzt auch voll im Hafen. Die Brecher schlagen über die Hafenmolen, und die Schiffe werden wild hin und her geworfen. Selbst Little Wonder im hinteren Hafenzipfel schlägt kräftig nach beiden Seiten und zerrt an seinen Festmachern, was gelinde gesagt harmloser klingt als es war.

 

Ich beginne damit, in Ölzeug gekleidet und mit Eimer und Schwamm bewaffnet das Cockpit zu lenzen, was ich die ganze Nacht hindurch alle zwei Stunden verrichten muss, so heftig ist der Regen.

 

Die Uhr zeigt 1.00 Uhr, und der Sturm heult inzwischen so heftig, dass Little Wonder bald 30 Grad nach Steuerbord überliegt. Es ist eiskalt, und von dem ständigen Rein und Raus zwischen Kajüte und Deck ist alles feucht und klamm. Ich kontrolliere die Leinen und verlängere sie dem Wasserstand entsprechend. Längst ist der Steg vom Wasser überspült, gut 1 m schätze ich. Die vorderen Festmacherpfosten sind ebenfalls im Wasser verschwunden. Hoffentlich halten die Leinen, sonst bin ich verloren, schießt es mir durch den Kopf. Jetzt noch ans Ufer zu gelangen ist aussichtslos. Und der Wind heult immer noch. Ein Besatzungsmitglied der DGzRS-Bootes sagt mir am nächsten Tag, dass man zeitweise 12 und mehr Windstärken gemessen habe: Orkan!

 

Plötzlich ist es stockdunkel im Hafen: Stromausfall. Das macht die Nacht noch gespenstischer. Sollte Little Wonder, festgemacht im Hafen, ihr Ende im Orkan finden? Ich muss mich mit irgendetwas in der Kajüte beschäftigten, damit ich nicht die Nerven verliere – ich habe Angst! Also werfe ich den Kocher an, um die Kajüte etwas zu heizen. Vielleicht werden auch meine nassen Sachen wieder etwas trockener, denn das Ölzeug ist mittlerweile vom An- und Ausziehen auch innen nass geworden. Mit dem Schwammlappen wische ich das Wasser vom Kajütenboden auf. Dann kommt mir eine segensreiche Idee. Ich koche mir eine heiße Brühe, um von innen Wärme an meine durchgefrorenen Knochen zu bringen. Nach der ersten Tasse erwachen meine Lebensgeister wieder. Die Therapie war erfolgreich. Im Radio, das ich immer zur halben Stunde einschalte, berichten sie vom Unwetter an der Ostseeküste. Die Polizei fordert die Schiffseigner über Rundfunk auf, sich um ihre Schiffe zu kümmern, da sich schon einige in den Häfen losgerissen haben und an anderen Schiffen und den Hafenanlagen zerschlagen werden.

 

Gegen 2.00 Uhr werde ich durch ein lautes Rumpeln draußen aufgeschreckt. Ich schalte den Toplichtschalter ein, klettere nach draußen. In der Steckverbindung auf dem Kajütendach schließe ich den Handscheinwerfer an. Im hellen Strahl des Halogenlichts sehe ich einen kleinen Fischkutter vor den gegenüberliegenden Schiffen in den hinteren Hafenteil – wo ich liege – herein ziehen. Es sieht gespenstisch aus. Im Ruderhaus ist kein Steuermann zu sehen, auch sonst an Deck keine Menschenseele: der Kutter ist führerlos! Er muss sich irgendwo vorne im Hafen losgerissen haben. Jetzt hat das Schiff meine Höhe erreicht, und der Bug schwenkt nach Steuerbord in meine Richtung. Was soll ich machen, wenn er auf mich zukommt? Aussichtslos, das schwere Schiff mit dem Enterhaken, nach dem ich instinktiv greifen will, von mir abzuhalten. Schwimmweste an und über Bord gehen, denke ich oder auf den Kutter übersteigen. Bei dem Seegang im Hafen auch nicht ungefährlich; wenn ich zwischen die Bordwände komme, werde ich zerquetscht oder vom vielleicht herunterkommenden Mast erschlagen. Also: abwarten was geschieht.

 

Doch dann kommt es so, wie es bei nüchternem Nachdenken gleich hätte klar sein müssen. Der Kutter liegt jetzt quer zum Wind und wird antriebslos vor dem Klüver von Little Wonder, die achterlich am Steg festgemacht ist, vorbei getrieben. Er verklemmt sich mit dem Achtersteven zwischen zwei Schiffen gegenüber. Was soll ich tun? Ich kann niemanden erreichen, um auf die Gefahr hinzuweisen. Das Schiff kann wieder frei kommen und dann weiteren Schaden anrichten. Ich leuchte es weiter an, in der Hoffnung, dass jemand am Ufer, den Kutter sieht und Alarm schlägt. Nach gut einer Viertelstunde erscheint ein Mann aus dem Dunkel und klettert über die anderen Schiffe in den Kutter. Ich knipse die Lampe aus. Der Diesel heult auf, und der Kutter fährt wieder zurück in den vorderen Hafen. Der Spuk ist vorbei! Am nächsten Tag erfahre ich, dass es der Kutter des Hafenmeisters war, der in der Förde eine Austernzucht betreibt. Die hatte ich übrigens schon kurz nach meiner Ankunft „genossen“ – na ja: wem’s schmeckt. Ich wiederhole den „Genuss“ jedenfalls so schnell nicht.

 

Und weiter heult der Sturm. Es ist kurz vor 3 Uhr. Ich lenze das Cockpit und klettere nass und erfroren in die Kajüte, in der kaum noch ein trockenes Fleckchen ist. Ich haue mich jetzt einfach in die Koje, mir ist schlecht, wer weiß wovon? Seekrank im Hafen, das gibt’s doch nicht. An Schlaf ist nicht zu denken. Das Glas der Petroleumlampe ist geplatzt. Innen heiß und außen nass, da wird die Spannung im Glas zu groß geworden sein oder bin ich dagegen geschlagen? Dennoch lasse ich sie weiter brennen, um die Batterie zu schonen für den Radiobetrieb. Es ist schon einige Tage her, dass ich sie geladen hatte. Die Spannung reicht jedenfalls nicht mehr für den Betrieb der Lenzpumpe.

 

Der Regen soll im Laufe der Nacht etwas nachlassen heißt es bei RSH. Aber hier ist davon noch nichts zu spüren. An Schlaf ist bei der verdammten Schaukelei auch nicht zu denken oder sind es die Nerven, die mich auf jedes Geräusch achten lassen? Ich kauere mich auf die Luvseite, weil sich das Schiff durch den Sturm immer noch weit nach Lee überlegt. Die Böen lassen das Rigg erzittern, dass der an der Maststütze befestigte Kajütentisch stark vibriert. Es wird halten, denke ich, denn der Druck beim Segeln ist auf die Wanten viel stärker. Vielleicht aber, dass durch das ständige Rütteln sich etwas löst? Ich muss wieder raus, das Cockpit lenzen, es ist 4.30 Uhr. Hoffentlich wird’s bald hell, und der Spuk hat ein Ende.

 

Ich liege wieder auf der Koje, zum Teufel mit dem Sturm, denke ich, dann sinke ich in einen Halbschlaf. Langsam wird es hell, der Wind bläst nicht mehr ganz so heftig. Um den Hafen herum wird es lebendig. In Ölzeug vermummte Männer laufen am Ufer herum und sehen hilflos zu ihren Schiffen, die sie über die im Wasser versunkenen Stege nicht erreichen können. Erst gegen Mittag läuft das Wasser ab, und die Stege kommen langsam zum Vorschein.

 

Ich ziehe Little Wonder mit dem Heck wieder an den Steg heran und klettere von Bord. Alles heil geblieben – Gott sei Dank! Das war die letzte Nacht an Bord. Die Ostsee hat’s mir noch einmal richtig gezeigt. Seenot im Hafen, wer hätte an so etwas gedacht? Der Hafen von Langballigau hat Glück gehabt, es ist nicht viel Schaden entstanden. Anders sonst an der Ostseeküste. Die Orkannacht hat alleine im Hafen von Wendtdorf 80 Yachten total zerschlagen und sinken lassen. Menschen wurden im Hafen über den Rettungshubschrauber von ihren Schiffen abgeborgen. Bei mir brannte die ganze Nacht das Kajütenlicht, aber: hat es jemand gesehen? Egal, es ist vorbei!!!

 

Bei Frau Höck finde ich ein schönes Zimmer mit Blick auf die Flensburger Förde. Mit dem Bus fahre ich nach Arnis und hole Auto und Trailer. Heute habe ich bei herrlichstem Sonnenschein Little Wonder aus dem Wasser gezogen. Alles alleine gemacht: Mast legen, aufslippen. Keine Panne, na ein bisschen stolz bin ich schon darauf. Little Wonder steht wieder auf dem Trailer und erstrahlt im alten Glanze. Kein Schaden, keine Verluste an Ausrüstung, na und erholt bin ich vielleicht! Wenn auch ein wenig wehmütig heute am Abschiedstag. Morgen geht’s auf den großen Trail zu den Lieben nach Hause.

 

So ruhig wie das Meer jetzt vor mir liegt, hat es mir doch gezeigt, dass man die Achtung vor den Naturgewalten nicht verlieren darf. Gute Seemannschaft und nicht Draufgängertum sind gefragt. Alles andere wird bestraft.

 

Hier endet nun mein Bericht von Little Wonder’s Odyssee. Eine Irrfahrt war es nicht, doch jeder Tag ein neues Erlebnis. Die Förde herauf zieht ein Marineschnellboot der offenen See entgegen. Ich denke an Horst, der im Herbst seinen Dienst bei der Marine antreten wird. Zum Abschied wünsche ich allen Schiffen auf See allzeit gute Fahrt und den Seeleuten immer eine gute Heimkehr, steige ins Auto und ziehe - meine treue LITTLE WONDER hinter mir - zurück nach Hause.

Ostsee ade!

Die Bilder sind allesamt bei Horst's Besuch entstanden. Ich selbst hatte leider keine Kamera mitgenommen. Vielen Dank an ihn; sie haben den Reisebericht sicher etwas aufgelockert.

 

Schade, dass wir nicht auf die Idee gekommen sind, von ihm ein Bild zu machen. Jetzt verrate ich aber, dass im Kapitel "Kontraste" in dem Bild sein linker Fuß zu sehen ist.

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Wie die Welt aussieht hängt von der Perspektive ab, aus der heraus man sie betrachtet. © Gerhard Falk