Ostsee und Heimweh

 

Wetterbericht: Nach wie vor 6 Windstärken und kalt mit Regen. Egal, ich habe Ferien und Zeit. Das Kranen ist Dank des perfekten Hafenmeisters „null problemo“. Erstes Anlegemanöver klappt unter dem Beifall der unvermeidlichen Zuschauer ebenso perfekt. Als ich mit dem Heck in die Box komme und vorn die Bugleinen gleichzeitig belege lauten die Kommentare: „Ach, das geht aber gut.“

Den ganzen Tag wird aufgetakelt. Der Mast steht mit Hilfe eines vorbeikommenden Segelkameraden relativ schnell. Der richtige Trimm nimmt einige Stunden in Anspruch, doch ich habe ja Zeit, viel Zeit! Alles gut aufgeräumt, ein Segler meint: „Na, das sieht ja richtig gut aus.“

 

Die letzte Yacht-Zeitschrift berichtete, dass meine Silhouette jetzt in England wieder als New-Oldtimer gebaut wird. Im Bericht heißt es, dass der erfolgreiche Kleinkreuzer Ende der 50er Jahre als Rundspanter in Polyester seinen Höhepunkt mit 3000 verkauften Schiffen fand. Sein Vorläufer sei ein aus Bootsbausperrholz konstruierter Knickspanter gewesen, also mein Little Wonder. Es muss somit 40 bis 45 Jahre alt sein - mein treues Schiff. Seetüchtigkeit wird ihm in dem Bericht bescheinigt, sogar einige Atlantiküberquerungen seien mit ihm unternommen worden. So viel will ich der alten Dame denn doch nicht zumuten; na und mir natürlich auch nicht.

Mittlerweile scheint die Sonne wieder, eine frische Brise erinnert nach wie vor an die Großwetterlage mit einem Sturmtief über Norwegen, dessen Ausläufer uns tangieren. „Nur peripher“, würde Akademiker-Horst jetzt sagen.

Während ich an meinem Bordtagebuch schreibe erinnere ich mich an den schönen Törn in der westlichen Ostsee, den ich im vergangenen Jahr mit meinen Söhnen Horst und Holger auf einer gecharterten Sprinta70 unternahm. Damals wurde der Entschluss gefasst, Little Wonder noch einmal ins Ostseewasser zu setzen. Den Winter über wurde kräftig geschliffen und lackiert. Ein Kompass und neue Elektroinstallation wurden eingebaut.

Beim Schreiben meines Tagebuches fällt alle Hektik des Alltages von mir ab, und ich vermisse meine liebe Irene, der die Ostseewinde zu kalt und kräftig sind, die mir aber dennoch ihr O.K. für meinen Einhandtörn gab. Kommt jetzt schon erstes Heimweh auf? Ach was, die Reise beginnt erst. Was mag sie alles bringen? Erwartungsvoll geht der erste Tag mit Salzwasser unter dem Kiel zu Ende.

Noch nicht ganz. Eines bleibt noch nachzutragen. Der Wetterbericht sagt für morgen Starkwindwarnung an, westliche Ostsee 7 Bf. Auf dem Nachbarschiff sagt man nach dem Wetterbericht, den ich mithöre, „hier liegen wir wie in Abrahams Schoß“. Und da bin ich auch. Bei einer Flasche Frankenwein genieße ich die Stimmung in der Kajüte bei romantischer Musik. Was will ich mehr?

Nächstes Kapitel.

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Wie die Welt aussieht hängt von der Perspektive ab, aus der heraus man sie betrachtet. © Gerhard Falk