An dieser Stelle stehen - meist im Wechsel  - einige meiner Kurzgeschichten.

"Fährmann Hannes" 

Nun bin ich doch nicht an die Spree gefahren. Sie bleibt mir für das nächste Jahr, wenn ich wieder mit dem Kajak unterwegs sein werde. Nach der Wetterlage Anfang August fürchtete ich die Mücken, die immer wieder versuchen, mich aufzufressen. So bin ich in Hann. Münden in das voll beladene Kanadier-Kanu gestiegen und den Weserstein in der Fulda-Werra-Mündung grüßend die Weser herunter gepaddelt. Abends schlug ich mein Zelt auf, blieb da und dort einen Tag länger, erlebte in Bodenwerder das Lichterfest und sah den Baron Münchhausen aus dem Hubschrauber huldvoll grüßen. Er würde mich schon verleiten können, von großen Heldentaten zu berichten, doch sie sind alle schon vollbracht und die meinigen auf der Weser wären nicht einmal erfunden.

Gänzlich erfunden ist aber die folgende Geschichte, die mir einfiel, als ich an den zahllosen Seilfähren der oberen Weser vorbeifuhr. Sie will ich an Stelle eines Reiseberichtes hier erstmals erzählen. Zeit zum Nachdenken hatte ich allemal auf der schönen Tour als einsamer Wolf im Kanu. Und so würde ich mich freuen, wenn sich die verehrte Leserschaft ebenfalls angeregt sähe, über den einen oder anderen Gedanken hinter der Geschichte nachzudenken.

Beim „Rattenfänger“ in Hameln endete meine Fahrt, doch geblieben ist der

 

„Fährmann Hannes“

 

Sein Name war „Fritz“, aber alle nannten ihn „Hannes“. Keiner wusste wirklich, wie es dazu gekommen war. Am ehesten noch hielt sich die Erklärung, jemand habe irgendwann einmal gesagt: „Hannes, ja der kann es!“ Und das stimmte. Hannes war schon immer die Anlaufstation für ungelöste Probleme. Er war der Fährmann auf der Seilfähre.

Besonders in den Abendstunden kam schon mal jemand, um nur so mit ihm über den Fluss zu fahren. Es waren stille Minuten, in denen der Strom unter der Fähre dahin zog und sie im gemächlichen Tempo auf die andere Uferseite schob. Manchmal verzauberte ein roter Sonnenuntergang die Fahrt. Hannes schob dann seine speckig abgegriffene Schiffermütze nach hinten, lehnte mit dem Rücken neben der geöffneten Türe am Fahrstand und schaute nach oben zum dicken Drahtseil, das den Fluss überspannte. An ihm liefen auf Rollen zwei Schleppseile, die unten mit der Fähre verbunden waren. Die untergehende Sonne hatte Hannes im Rücken. Er kannte seine Sonnenuntergänge. Die wenigen Fahrgäste standen ihm gegenüber und schauten verzückt in die Abendstimmung. Am Bug plätscherten die Wellen.

Gelegentlich stand auch ein Auto auf der Fähre. Die jungen Leute blieben meist im Wagen sitzen. Wenn dann die Lautsprecher dröhnten, ging Hannes hin und schlug mit seiner breiten Pranke auf das Autodach, dass es krachte. Sofort war Ruhe und man hörte die Fahrtwellen wieder. Ohne Sonnenuntergang ließ er sie dröhnen, ging am Wagen vorbei und schaute durch die Windschutzscheibe. Meistens wurde es auch dann still. Hannes war eine Instanz. Das galt für alle, die ihn kannten. Aber auch die Anderen waren von seiner Erscheinung beeindruckt. Er passte gerade mal so durch die Türe seines Fahrstandes. Seinen Kopf musste er nach vorne neigen, wenn er hinein ging. Über der schwarzen Hose trug er ein verblasstes, blau-weißgestreiftes Fischerhemd mit stets offenem Kragen, aus dem ein Büschel seiner grauen Brusthaare hervorquoll. „Hannes, wenn du die Streifen nicht mehr siehst, dann musst du es waschen“, hörte er öfter. Hinter seinem grauen Vollbart konnte man dann ein leichtes Grinsen vermuten.

Hatte er während der Überfahrt alle abkassiert, dann störte es ihn nicht, wenn jemand an Bord blieb und nicht über die heruntergelassene Ausfahrtklappe von der Fähre ging. Manche fuhren so mit ihm mehrmals über den Fluss. Er lächelte dann.

Auch heute Abend lächelte er, als Renate zu ihm auf die Fähre kam.
„Wo hast du denn dein Fahrrad gelassen?“, fragte er, denn sonst kam sie immer zu dieser Zeit, um noch einmal drüben in der alten Fischersiedlung am Fluss ihre Mutter zu besuchen. Vor ein paar Jahren hatte Renate Peter, den Sohn des Dorfschmiedes, geheiratet. Auf der anderen Seite, gute zwei Kilometer vom Fluss entfernt, standen ein paar Bauernhäuser, die Kirche in der Mitte und die Schmiede. Sonst gab es da nur das Gasthaus an der Straße, von dem man sagte, es sei das älteste Gebäude im Dorf. Das Fährhaus, in dem Hannes wohnte, lag am Fluss und gehörte zur Fischersiedlung. Die meisten der wenigen kleinen Fischer-Häuschen waren zu Ferienwohnungen umgebaut worden. Gelegentlich angelte noch jemand.

„Ich bin gelaufen, Hannes“, sagte sie und lehnte sich an den Fahrstand. Ein Auto ratterte über die Rampe und blieb vor der Schranke stehen. Hannes kassierte und kurz darauf legte die Fähre vom Fluss geschoben ab. Nach ein paar Minuten stiller Überfahrt verließ der Wagen die Fähre und Hannes blieb mit Renate zurück.

Nun saßen sie auf der kleinen Bank neben dem Fahrstand und schauten auf den Fluss, der mit kräftiger Strömung an ihnen vorbeizog.


„Warum hast du eigentlich nie geheiratet?“, fragte Renate. Hannes schaute gedankenverloren eine Weile auf die Verwirbelungen des Wassers, die an vielen Stellen kleine Strudel bildeten.
„Weiß nicht“, antwortete er, „hat sich nicht ergeben“.
Er kannte solche Besuche von Leuten aus dem Dorf. Sie kamen, um bei ihm über ihre Sorgen zu sprechen, auch über ihre Hoffnungen. Deshalb schwieg er. Renate würde schon anfangen.

„Bei mir hat sich das nicht ‚ergeben’“, brach es aus ihr heraus. „Ich ‚wollte’ den Peter heiraten, weil ich ihn liebte!“ Sie war erschrocken über ihre Heftigkeit und fasste Hannes fest am Arm. Der spürte, wie die kleine Hand zitterte und sich an seinem Arm festhielt wie an einem Rettungsring. Sie schauten beide auf den Fluss und schwiegen. Renate lockerte ihren Griff, ließ aber die Hand auf Hannesens starkem Unterarm liegen.


„Ich weiß“, sagte er nach einer Weile.


„Ach du weißt gar nichts“, fuhr Renate auf und entschuldigte sich sofort dafür. „Hannes, ich wollte Kinder und habe damals meinen Job in der Stadt aufgegeben. Aber Peter meint, dass die Zukunft der Schmiede ungewiss sei und vielleicht müssten wir fortziehen. Da würde uns ein Kind nur ein Klotz am Bein sein. Hannes! Hörst du? Ein Klotz am Bein hat er gesagt. Ist das nicht schrecklich? Vielleicht bin ich ja auch nur so ein Klotz für ihn?“ Sie sank in sich zusammen und atmete tief. Er spürte, wie sie sich bemühte, die Fassung zu bewahren. Aber er sagte nichts, denn sie war noch nicht zu Ende gekommen. Mit einem Mal reckte sie sich auf und schaute Hannes ins Gesicht. Aus ihren Augen funkelte Empörung. „Stell dir vor, auch eine Arbeit in der Stadt für mich zu suchen, das ginge nicht. Ich müsste im Geschäft sein, wenn er bei den Kunden arbeite. Er macht jetzt draußen auch Schlosserarbeiten und Wasserinstallationen. Die Schmiede alleine bringt es nicht mehr.“ Sie schaute weg von Hannes - irgendwohin - aber sie sah hier nichts. „Ich habe aber doch Peter geheiratet und nicht diesen blöden Handwerksbetrieb.“ Mit einem hoffnungslosen Seufzer sank sie in sich zusammen und stille Tränen begannen aus ihren Augen zu fließen. Der Fluss verschwamm vor ihrem Blick zu einem einzigen Tränenmeer.

Hannes legte seinen Arm um ihre Schultern. Ihr Kopf sank auf seine Brust und wie ein Dammbruch begann sie zu schluchzen. Hannes schaute auf das Wasser und drückte das zitternde Bündel in seinem Arm fest an sich. Langsam erschöpften sich das Zittern und die Tränen, so als wäre ein See leer gelaufen.

Die Sonne hatte fast den Horizont erreicht. Einige Radfahrer mit Gepäck fuhren auf die Fähre, erklärten, dass sie in ein paar Kilometern am Ende ihrer heutigen Etappe angekommen sein werden und wurden dann von der friedlichen Stimmung der abendlichen Überfahrt eingefangen.

Renate war aufgestanden, hielt sich mit beiden Händen am Geländer der Fähre fest und schaute scheinbar ziellos in die untergehende Sonne. Sie sah sich und ihre Träume mit ihr untergehen. Und doch fühlte sie die Kraft des Stromes, der die Fähre zum anderen Ufer trug. Sie drehte sich um und sah hinauf zum dicken Drahtseil, an dem die beiden Halteseile mit der Fähre entlang glitten. So fühlte sie mehr als sie sah. Ihr ganzes Leben lang war sie mit der Fähre gefahren, aber heute war es anders. Heute war sie mit ihrem ganzen Leben hier unterwegs.

Nach dem Anlegen trat Hannes neben sie. „Wolltest du nie fort von hier?“, begann sie das Gespräch wieder.


„Als ich noch Fritz hieß…“, begann Hannes.
„Jetzt verarsch mich bitte nicht!“, unterbrach Renate ihn.
„Doch! Ich heiße eigentlich ‚Fritz’. Johannes hieß mein Vater.“
Renate stieß ihm mit ihrem Ellenbogen in die Seite und schaute mit dem Anflug eines Lächelns zu ihm auf.


Hannes begann noch einmal: „Also - als ich noch Fritz hieß, wollte ich nach der Schule fort und heuerte dann auch in Duisburg als Schiffsjunge bei einem Binnenschiffer an. ‚Partikulare’ nannten sich die Schiffseigner, die mit ihrem eigenen Frachtkahn den Rhein und alle anderen Flüsse und Kanäle befuhren.“ Sie setzten sich wieder auf die Bank und Hannes erzählte weiter. „Ich befuhr die Welt zwischen Rotterdam und Basel. Später machte ich mein Binnenschifferpatent und dann wurde es doch immer schwerer, eine Heuer zu finden. Und so romantisch, wie ich es einmal erwartete, war es dann auch nicht. Aber ich hatte noch meinen Traum von der weiten Welt.“


Renate hörte ihm aufmerksam zu und vergaß schon bald ihr Unglücklichsein, als Hannes erzählte, wie er das Einerlei auf den Frachtkähnen leid wurde und in Rotterdam auf einem Containerschiff anheuerte. Als Matrose hatte man ihn genommen. Aber nur, weil er den Billiglohn akzeptierte, den man der sonstigen Mannschaft zahlte, die ausschließlich aus Asiaten bestand. Nur der Kapitän und die Offiziere waren Europäer. Sie verließen Rotterdam auf der Route durch das Mittelmeer, den Suez-Kanal und weiter bis Singapur. „Dann fuhren wir auf der gleichen Route zurück“, erzählte Hannes. „Aber außer dem Schiff und dem Wasser habe ich fast nichts gesehen. In den Häfen wurde entladen und beladen und schon ging es weiter. Ich glaube, ich war nur einmal an Land. Aber frag nicht wo. Ich habe es vergessen.“


„Und dann?“ Renate fand seine Geschichte spannend.


„Dann“, erzählte er weiter, „waren wir zurück in Rotterdam und da lag ein Brief vom Amt. Mein Vater, der Fährmann, sei im letzten Monat verstorben und ob ich die Fähre weiter betreiben wolle, es fände sich sonst niemand. Dass mein Vater gestorben war, hatte mir die Reederei schon auf der Fahrt durchgeben lassen. Damals hatte ich die Seefahrt verflucht.“ Hannes machte eine Pause. „Ja Mädchen“, er legte wieder seinen Arm um sie, „ich hatte zugesagt, weil ich es meinem Vater wohl schuldig war und weil ich froh war, wieder ein Zuhause zu haben. Weit in der Welt ist es auch nicht besser als hier.“


„Hannes“, Renate schaute zu ihm auf, „das habe ich ja alles gar nicht gewusst. Ich dachte, du bist schon immer hier.“


„Ich war auch nie wirklich weg“, sagte der Fährmann mit einem breiten Grinsen im Gesicht, „ich habe ja bloß mal ein bisschen aus dem Fenster in die Welt geschaut.“

Die Sonne war inzwischen untergegangen.
„Komm Kleines, für heute ist hier Feierabend. Ich bringe dich ins Dorf zurück und wir trinken mit Peter noch ein Bier.“


Renate sprang auf, so als habe sie auf der Fähre eine neue Lebendigkeit zurückbekommen.
„Ja Hannes! Komm, das machen wir.“

© Gerhard Falk, 2011

Hesse in Locarno oder „Der Berg der Wahrheit“

Es war einmal……………..

Ich beginne mit diesen Worten, weil eine mir liebe Schweizerin sich eine Gute-Nacht-Geschichte wünschte und ich sie natürlich nicht enttäuschen möchte. Sie wird aus diesem Grunde auch nicht so spannend, dass danach kein Schlaf mehr möglich sein könnte. Dennoch ist sie sicher nicht ohne schmerzerfüllte Höhepunkte.
Also noch einmal:


Es war einmal so vor gut 20 Jahren. Da brach ich mit meinem Weibe und unserem Zigeunerwagen im schönen Hessenlande auf, um in das noch schönere Tessin zu reisen. Kein Patriotismus verlangt es von mir, die Heimat über alles zu preisen. Die Sehnsucht nach einem Paradiese ist es aber wohl auch gewesen, die meine Wahrnehmungen am Tag der Abreise verklärten.

Schon einige Zeit nach dem Start - es war an einem schönen Sommertag - begann meine Frau neben mir im Auto ihre Kleidung zu lüften und dann nach und nach unter leichtem Stöhnen abzulegen. Sollte sie sich schon im Damenluftbad am Monte Verità über Ascona wähnen? (Kenner wissen bereits jetzt wovon ich rede) Die Wahrheit holte mich mit ihrer nüchternen Feststellung ein, dass sie ganz unmöglich schwitze und ich am nächsten Rastplatz halten müsse, damit sie sich im hinter uns daherzuckelnden Wohnwägelchen Leichteres anziehen könne. Sie schwitze wie ein Schwein, fügte sie ganz undamenhaft hinzu. Seither ist dieser Moment als das „hessische Schweineschwitzen“ in unseren Sprachschatz eingezogen.

Es war bereits unsere zweite Zigeunerreise in die Schweiz. Wir wurden also an unsichtbaren Fäden gezogen und erreichten noch am selben Tage den Terrassencampingplatz in Vitznau am Vierwaldstättersee. Das erhabene Panorama wollte uns zum Bleiben verführen, doch bereits am nächsten Tage lagerten wir auf dem Camping Gottardo in Chiggiogna bei Faido. Endlich im Tessin. Ein paar Schäfchen auf der Wiese hinter unserem Standplatz am Fuße hoher Berge im Leventina Tal weckten uns am frühen Morgen. Ihre Glöckchen waren wie Musik in unseren Ohren. Die Natur machte uns leicht, schenkte uns neue Ohren und Flügel. Der Wind vom nahen Monte Verità, dem Wahrheitsberg, wehte in unseren Zigeunerwagen mit Hesse und Hessin. Nicht in Ascona aber doch am Lago Maggiore nahe Locarno richteten wir auf einem kleinen Campingplatz unser Lager ein. Unsere kleine Freiheit mit großer Wahrheit war gegründet.

Wasser, Sonne, Luft und die Leichtigkeit des Seins bestimmten die glücklichen Tage. Wir besuchten die schönsten Plätze. Alles lud zum Träumen und Glücklichsein ein. In vergangenen Zeiten schienen wir uns zu verlieren. Das Verzascatal mit seinen aus den grauen Steinen herauswachsenden grauen Häusern genoss unsere ganze Bewunderung. Sie hinterließen den Eindruck, als seien sie mit der Landschaft gewachsen. Staunend saßen wir am Fuße der alten Römerbrücke und schauten den kühnen Springern zu, die vor uns ins kühle Verzasca-Wasser tauchten, sich kurz reckten, die bewundernden Blicke genossen und wieder nach oben kletterten, um sich erneut in die Tiefe zu stürzen. Abends sah uns oft der Lago Maggiore an der Uferpromenade in Ascona sitzen. Wir träumten mit mancher Flasche Tessiner Wein in so manchen Abend. In solchen Stunden wartete ich insgeheim auf Hermann Hesse, der wie selbstverständlich an unseren Tisch getreten wäre, um uns auf den Monte Verità einzuladen. Damals wäre noch Zeit gewesen eine neue Lebensform auszuprobieren. Doch die Zeiten waren nicht so. Ich schaute meine Frau an und stellte sie mir vor, wie sie mit wehenden Gewändern im Damenluftbad umhertanzt. Geschah das vor dem Essen, dann bestellte ich mit stillem Vergnügen einen Salat und fühlte mich als einer der vegetarischen Anarchisten. Sie hingegen aß meist eine nichtvegetarische Pizza oder etwas Pastamäßiges. Ich verriet natürlich auch nichts von meinen in eine andere Welt zurückreichenden Gedanken und Ausdruckstanzfantasien, von den Schleiern schon gar nichts. Sie hätte wohl auch ernsthafte Zweifel an meinem Gemütszustand befürchten müssen. Doch diese lieferte ich unbeabsichtigt dann doch noch.

Bereits ein Tag vor dem entscheidenden kündigte sich Unheilvolles an. Einer meiner Backenzähne links unten rumorte. Das geht vorbei, dachte ich und ignorierte den Schmerz. Die Nacht wurde unruhig und erste Schmerztabletten nachgefragt. Den entscheidenden Tag blieben wir auf dem Campingplatz und aßen dort abends unsere Pizza – ich meine letzte! Diese Nacht ging dann als Schicksalsnacht am Lago Maggiore in unsere Annalen ein. Eiswasser, Eiswürfel, ja auch von einer aufgebogenen Büroklammer erhoffte ich Erlösung. Am Morgen war die Schachtel mit den Schmerztabletten leer und ich wild entschlossen, den Wohnwagen anzuhängen und in die Heimat abzureisen. Nur dort schien mir Hilfe möglich. Aus dem Hermann war nun wieder der Hesse geworden, der kein anderes Ziel als die Heimat sah.

Meine Frau sah das ganz anders! Sie nahm die Autoschlüssel an sich und ging zur Rezeption. Dort telefonierten die beiden Frauen mit der Zahnklinik in Bellinzona und fanden dann doch noch einen auch während der Ferienzeit praktizierenden Zahnarzt in Locarno, der einen zahlenden Patienten so eben noch dazwischen schieben konnte. Die Frauen verfrachteten mich als inzwischen willenloses Opfer in unser Auto, das hielt kurz darauf vor der Praxis des Zahnarztes. Es ging etwas bergan und so glaubte ich, dann doch noch auf den Berg der Wahrheit gelangt zu sein. Wie Recht ich hatte!

Fast wieder schmerzfrei und in einem Zustande seliger Entrücktheit legte man mich auf den Behandlungsstuhl. Eine hübsche Assistentin beugte sich über mich und schon wieder stiegen meine Schleiertanzfantasien herauf, die in einem beglückten Lächeln ihren Ausdruck fanden. Die Freude war kurz. Während mir der wirklich freundliche junge Arzt mit seinen Geräten im Munde herum klopfte, fragte er, ob ich etwas spüre. Nein ich spüre nichts mehr, signalisierte ich mit dem Kopf. Er ließ mich Luft holen und so konnte ich von dem nicht unerheblichen Tablettenkonsum berichten. Er finde den Übeltäter trotzdem meinte er unter heftigem Kopfschütteln.

Das sei mal wieder typisch Tourist, was er da sehe. Ob ich gestern Pizza gegessen hätte, fragte er. Ich nickte, denn sprechen konnte ich angesichts der Aktivitäten des Arztes in meinem Mund nicht. „Ihr Deutschen seid immer zu hastig beim Essen. Warum wartet ihr nicht ein bisschen? In ihrem Mund sieht es aus wie in einer Tropfsteinhöhle. Überall hängt verbrannte Mundschleimhaut herum. Alles müsst ihr heiß herunter schlingen. Das schmeckt doch gar nicht.“ Ich nickte wiederum, um mir seine Sympathie zu erschleichen, hoffend, dass er es dann nicht so schlimm werden ließe. Er habe mir jetzt die Betäubungsspritze in den Nerv des Übeltäters gesetzt, aber davon hätte ich wohl schon nichts mehr mitbekommen. Wieder nickte ich zustimmend, doch wohl nicht mehr so deutlich.

Während von meiner Stirne der Angstschweiß tropfte, brummte der Bohrer und der Zahnarzt plapperte munter drauflos. Der Giro d'Italia, den man kürzlich gestartet habe, sei ja etwas wirklich Tolles. Er fahre auch Fahrrad, aber was die Kerle da leisten, das sei wirklich bewundernswert. Ob ich auch Fahrrad fahre. Ich konnte nicht mehr nicken. Auch andere Fragen konnte ich ihm nicht beantworten. Doch er redete unentwegt. Dann stocherte er mit irgendwelchen Stäbchen oder Feilen in meinen Zahnwurzeln herum und traf wohl dort auf Bereiche, die noch nicht völlig tot waren. Mangels anderer Möglichkeiten bäumte sich mein Körper und wollte darauf in eine Starre verfallen, wie ich sie mir als Totenstarre vorstellte. „Ja, ja“, meinte er, „das muss jetzt mal sein. Mein deutscher Kollege soll nicht später sagen, die Schweizer Zahnärzte arbeiten nicht ordentlich. Wir müssen das gründlich herausholen und dann erst verfüllen.“ Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Mit dieser Gründlichkeit bauten die Schweizer ihre Tunnel in die Berge. Das kann noch dauern. In mein Schicksal ergeben ließ ich geschehen was nicht mehr zu verhindern war. Willenlos am Berg der Wahrheit.

Er hatte wirklich gute Arbeit geleistet, dieser schweizerische Zahnarzt. Erst nach 15 Jahren bekam dieser Zahn eine Krone. Zu Hesses Zeiten wäre diese Geschichte vermutlich anders verlaufen. Doch darüber wollen wir heute nicht mehr nachdenken.

Gute Nacht!

http://de.wikipedia.org/wiki/Monte_Verità

Der Weihnachtsengel

Seit vielen Jahren wandern mit Hilfe meiner Frau unsere Adventstücke nach und nach in unsere Nähe. Am Ersten Advent sind sie dann alle wieder beisammen. Gelegentlich steht dann auch etwas dabei, das im vergangenen Jahr erst den Weg zu uns gefunden hat.

Vor einigen Jahren betraten wir kurz vor der Jahreswende in Altenberg im Erzgebirge ein Holzhandwerksgeschäft und legten dem erstaunten Ladenbesitzer einen kleinen Holzengel auf den Tisch. Die Spieluhr, die sich in seinem weiten Rock verbarg und auf der er sich beim Abspielen drehte, funktionierte nicht mehr. Der Mann betrachtete sich den Schaden und meinte dann, ein neues Werk einzusetzen wäre teurer als ein ganz neuer Engel mit Spieluhr. Nur habe er keinen, der sich beim Abspielen drehe. Nein, wir wollten keinen anderen. Dieser hier wurde uns von meiner Mutter geschenkt als wir noch nicht verheiratet waren. Er habe für unsere Kinder in der Weihnachtszeit gespielt. Er spiele uns unsere guten Erinnerungen zurück. Kein anderer kenne diese Erinnerungen.

Nach einer Woche übergab er uns den reparierten Engel und war sichtlich froh, dass es ihm gut gelungen war. Wir dankten ihm für seine Arbeit und sagten, jetzt würde uns dieser Engel künftig auch an ihn erinnern. Er sei damit wieder ein Stück wertvoller für uns geworden.

Das Fräulein

Auf das Fräulein legte sie großen Wert. Sie stellte sich als unverheiratete Frau und unsere neue Klassenmutter vor. Wir seien vor ihrer Pensionierung die letzte Klasse, die sie als unsere Klassenmutter zum Abschluss führen wolle. Beides beeindruckte uns sehr, am meisten aber die Klassenmutter. Sie nahm in den folgenden Jahren nicht nur an unserer schulischen Entwicklung regen Anteil sondern auch an den pubertierenden Abenteuern. Tugend sei da vorhanden, wo der Kampf zwischen Pflicht und Neigung zugunsten der Pflicht entschieden werde, pflegte sie der Klasse zu allen sich bietenden Gelegenheiten zu vermitteln.

Nicht nur ihr strenger Blick traf mich, als sie meine beginnenden ersten erotischen Kontakte zu zwei Mädchen aus der Klasse ansprach, die ich zur gleichen Zeit unterhielt. Dennoch glaube ich nicht, dass es diese Ermahnung war, die mich Jahre später veranlasste, eine der beiden Umworbenen zu heiraten. Möglicherweise wurde ich geheiratet und hatte da keine wirkliche Wahl. Mit einer Klassenkameradin verheiratet zu sein ist mehr als eine Ehe. Es ist die Verbindung von Wurzeln, eine wahre Symbiose.

Auch in der Zeit nach der Schulentlassung hatten wir noch einen fruchtbaren Kontakt. Meine Klassenmutter a. D. schenkte mir kurz vor ihrem Tode zwei Bücher aus ihrem Bestand, die ich bis heute in Ehren halte. Eines ist Steins Kulturfahrplan, denn ihr war sehr daran gelegen, dass wir kulturelle Zusammenhänge über die Zeiten erkennen. Sie führte ihren eigenen Lebenslauf als tragisch Verführte im Nazi-Deutschland immer wieder als Beispiel an. Sie habe sich allzu leicht blenden lassen vom Zeitgeist und verführerischen Versprechungen. Das fand ich außerordentlich mutig. Im Nachkriegsdeutschland war man damals eher bemüht, die eigene Rolle im dritten Reich schön zu reden. Sie aber gestand ihren großen Lebensfehler unumwunden ein. Das zweite Buch ist eine Anthologie deutscher Erzähler der Gegenwart, herausgegeben 1959 von Willi Fehse im Reclam-Verlag. Die darin enthaltenen Erzählungen habe ich über die Jahre immer wieder gelesen, und jedes Mal erschien da im Hintergrund das Fräulein und beteiligte sich an der Interpretationsarbeit. Das Spannende daran ist bis heute, dass ich in den Erzählungen immer neue Gedanken entdecke, die sich mit eigenen Erfahrungen und Einsichten verbinden. Heute hätten wir uns deutlich mehr zu sagen. Wir würden ganz sicher heftig diskutieren und in vielem auch gleicher Meinung sein. Sie wäre meine Wunschlektorin und ist es wohl auch im Hintergrund, wenn ich selbst mit mir ins Gericht gehe. Ihr gegenüber verantworte ich mich beim Schreiben. Sie wollte Substanz im Inhalt und Selbstbewusstsein im Ausdruck. Beides umschrieb sie gerne mit Wahrhaftigkeit.

Auch das Vorwort der Anthologie lese ich gerne. Willi Fehse setzt sich dort mit literarischen Richtungen im damaligen Deutschland auseinander und stellt dann fest, dass das wahre Talent aber immer über alle Programme und Parolen hinauswachsen und sein eigenes Gepräge finden werde.

(Gerhard Falk, 2009)

Schmerzen

Wie soll man dieses intensive Stöhnen aus dem Nachbarzimmer beschreiben, das durch die Wand oder auch durch die geöffnete Terrassentüre herüber dringt. Der Nachtwind bewegt die Gardine leicht in das Zimmer hinein und wieder hinaus. Im gleichen Rhythmus stöhnt der verunglückte Motorradfahrer. Es sind die Phantomschmerzen am Stumpf seines verlorenen Beines. Er war verunglückt. Es war ein Unglück, das Gegenteil von Glück. Es war ein Unfall, aber doch ein Fall. Die Fliehkraft und die Geschwindigkeit passten nicht zueinander. Und jetzt schmerzt ihn sein Bein, das nicht mehr da ist.

Es war ein Glück gewesen, den Fahrtwind und die Geschwindigkeit zu spüren, die grenzenlose Freiheit zu genießen. Es war ein tiefer Fall, unvermittelt an die Grenzen zu stoßen. Das junge Leben blieb verschont. Doch wie soll man diese Angst beschreiben, die nun aus dem Phantombein so langsam nach oben kriecht und sich im Kopf breit macht?

Wird das noch mein Leben sein, das ich da leben werde, das ich da leben muss?

Sie kriechen aus meinem rechten Fuß nach oben - der Schmerz und die Angst. Sie haben sich mit denen des Motorradfahrers nebenan verbündet. Seine Schmerzen sind meine geworden. Bei mir war es kein Unglück. Es war meine Zuckerkrankheit, die mich langsam auffrisst. Erst meine Nerven im Fuß, dann fraß sie ein kleines Loch, ein entzündetes, das nicht heilen wollte, dann wollte sie meinen Fuß. Ich bin diese Zuckerkrankheit, ich bin gefräßig, ohne Maß. Am Glücklichfressen habe ich mich überfressen, und nun beginne ich alles wieder herzugeben, meinen Körper womöglich, mein Glück sowieso.

Wäre ich lieber Motorrad gefahren? Nein, nein! Das war zu gefährlich. Man kann einen Unfall erleiden, und dann fehlt plötzlich ein Bein und man stöhnt bis ins Nachbarzimmer hinüber.

 

(Gerhard Falk, 2009)

Der Brötchendieb

Eigentlich ist es ein Samstagmorgen wie jeder andere. Auf dem Weg zur Bäckerei mischt sich die kühle Morgenluft mit den ahnungsvollen Düften des nahen Frühlings. Der Schritt ist beschwingt, die Gedanken fliegen.

Wie jeden Samstag, an dem alle frische Brötchen wollen, stehen im Laden die Leute schon in mehreren Reihen vor der Theke. Sie sind guter Stimmung. Es werden nicht nur die Bestellungen aufgegeben sondern auch die Neuigkeiten der Woche ausgetauscht. Zwischen den Bäckersleuten und den Kunden fliegen die Worte hin und her. Auch untereinander ist die Kundschaft in reger Unterhaltung. Tüten wandern über die Theke.

Der Laden ist durchströmt von frischem Backgeruch. Oh, wie ich diesen Duft liebe. Schon in einiger Entfernung zum Laden wird man vom Duft der Backstube empfangen, der die Straße entlang zieht. Als junger Student hatte ich einmal ein Zimmer in so einem Bäckerhaus. Bei Bäcker Wellbrook nahe der Nordseeküste war das. Dick und wortkarg war er, aber in seinem Hause wehte dieser unvergleichliche Duft. Hier aber stehen vor mir junge Bäckersleute, schlank und gesprächsfreudig. Doch dieser wunderbare Duft, der ist der gleiche.

Während ich so vor mich hin träume rücken die Reihen langsam nach vorne, bis ich meine Bestellung loswerde. Ich vergewissere mich noch kurz auf dem Einkaufzettel, der mir zuhause immer mitgegeben wird, – sicher ist sicher. „Zwei Spitzbrötchen und zwei Weltmeister wie immer und heute noch zusätzlich: zwei Hornspitz, eine Platte Johannisbeerstreusel, ach ja, und noch einen großen Elsässer“. Noch während ich bestelle, greifen flinke Hände schon in die Regale. Alle feinen Sachen wandern nach und nach in verschiedene Tüten, die sich auf der Theke vor mir sammeln. Zwischendurch hole ich noch kurz einen Quark aus dem im hinteren Ladenteil stehenden gekühlten Schrank mit Glastüre. Zurück an der Theke verschwindet schon mal ein Teil der Tüten in meine Einkaufkaufsbeutel. Alle im Laden sind in Aufbruchstimmung für ein schönes Wochenendfrühstück. Schnell noch bezahlen, die Kunden drängen schon nach, auch neben mir stehen ja noch zwei, die parallel bedient werden. „Danke, ein schönes Wochenende“. „Ja danke, Grüße an ihre Frau, es geht ihr wieder besser?“ „Ja, danke! Tschüß“. Ich bin mit meinen Beuteln wieder draußen.

Flott geht der Weg zurück, den Berg hinauf. Drinnen wird schon auf mich gewartet. Der Kaffee steht auf dem Tisch. Die Brötchen- und Kuchentüten landen in der Küche. Das Frühstück kann beginnen.

Die ganze duftende Pracht liegt nun im Körbchen: zwei Spitzbrötchen, zwei Weltmeister, drei Brötchen, die wir „normal lang“ nennen. „Du meinst es heute aber gut mit uns“, lächelt sie zu mir herüber. Meine Frau hat zu den Brötchen ganz sicher eine fast liebende Beziehung. Sie hält sie gerne vor dem Aufschneiden an die Wange, wenn sie noch warm sind. „Wieso?“, frage ich zurück; ich habe doch nur nach dem Zettel eingekauft, denke ich verwundert.

„Nein, nein“, sagt sie, „die drei hier standen nicht drauf. Hast du die zusätzlich mitgebracht?“. „Zusätzlich?“, verwundert geht mir alles durch den Kopf, was sich da heute morgen im Laden abgespielt hat. Da schießt mir plötzlich in meine Erinnerung, dass neben mir ein Mann ebenfalls bedient wurde und auch in der Gegend herumschwätzte wie ich. „Upps, ich glaube ich habe die Brötchen vom Nachbarn mit eingepackt“, gestehe ich mit leicht rot werdendem Gesicht ein. „Brötchendieb“, stellt sie kurz mit verschmitztem Grinsen fest. Das Diebesgut lag schon auf dem Teller, in der Mitte durchschnitten, mit Marmelade versüßt, und ein deutliches Knuspern und Schlecken macht jetzt alles endgültig. „Da komme ich nicht mehr raus“, stelle ich resignierend fest, „gut dann frühstücken wir erst mal, und dann muss ich wohl beichten.“ Kein Gedanke heute an eine Zeitung, in der sowieso nur wieder über die Steuersünder berichtet wird. Selbstanzeige, schießt es mir durch den Kopf. Möglichst schnell und bevor erste Fahndungen laufen.

Mit einem Satz bin ich am Telefon und rufe den Bäcker an, beichte meine unfreiwillige Missetat und sehe ihn auch durch das Telefon breit grinsen. „Selbstanzeige?“, meint er, „die kommt wohl zu spät. Die Ermittlungen laufen schon!“ Der andere Brötchenkunde habe ganz verdutzt plötzlich gefragt, wo denn seine Brötchen geblieben wären. Der Bäcker erspart mir hier am Telefon nähere peinliche Erörterungen und Mutmaßungen der Kundschaft. Er habe einfach drei neue eingepackt und so die Sache geregelt. „Am Montag“, so versichere ich, „werde ich die drei Brötchen natürlich sofort bezahlen. Und wenn ich mit einem gemeinnützigen Dienst in der Backstube davon komme, dann ist mir das nur recht.“ Dass ich nichts lieber hätte als eine solche Verurteilung, sage ich natürlich nicht, denn schon wieder zieht mir dieser unvergleichliche Duft der Backstube durch die Nase.


(Gerhard Falk, 2008)

Paul und Pauline

Eigentlich würde mich diese Feststellung nicht besonders interessiert haben, wenn sie nicht in einer ganz besonderen Weise auch zur Selbstwahrnehmung beigetragen hätte:

Rentner wollen in erster Linie erzählen und dann erst zuhören. Diese Feststellung mache ich hier auf dem Campingplatz, wo ich unversehens in die Hände zweier Überwinterungsrentner (sagt man das so?) gefallen bin.

Mein Lagerfeuer, über dem im Kessel ein schönes Gulasch so vor sich hin köchelte, animierte wohl den sicher über 80-Jährigen dazu, sich zu mir zu stellen. Jetzt standen wir beide im Schnee und schauten auf den Kessel. Seine Katze namens Pauline, die ihn begleitete, betrachtete mich erst kritisch, dann strich sie um meine Beine. Ihr Mensch hatte währenddessen bereits längst angefangen mir seine aktuelle und auch sonstige Lebensgeschichte zu erzählen. Über ein Luftholen und zustimmendes „ach ja“ und „wie schön“ kam ich eigentlich nicht hinaus. Der eigenen Geschichte flocht er diejenige seiner beiden Katzen – Kater Paul war im Wohnwagen geblieben – hinein. Nach gut einer Stunde wusste ich über seinen Gesundheitszustand und die Lebensgewohnheiten seiner lieben Katzen bestens Bescheid.

Mein Gulasch war längst fertig, und ich musste bereits Wasser nachfüllen, da führte lediglich die hereinbrechende Dunkelheit dazu, dass ich nicht noch Näheres über die drei Söhne erfuhr. Die wesentlichen beruflichen und familiären Fakten waren mir bereits mitgeteilt.

Zwei Tage später kam er erneut, diesmal mit Kater Paul, der mich auch einmal kennen lernen wolle, wie sein Mensch mir einleitend erklärte. Dieses Mal war ich nach der Katerbegrüßung dem Grunde nach unhöflich, weil ich fortfuhr meinen um den Bus herum begonnen Aufräumarbeiten nachzugehen, trug aber mein „ach ja“ und „wie schön“ trotzdem zum Fortgang des Gesprächs bei, manchmal allerdings in gebückter Haltung von unten herauf. Nach einiger Zeit meinte er, dass sein Paul, der Kater, wohl schon wieder zurückgegangen sei, doch dieser saß nur unter einem gegenüberstehenden Wohnwagen und wartete, worauf auch immer. Ich empfahl nun beiden wegen des einladenden Sonnenscheins, den geplanten Spaziergang fortzusetzen, und dem folgten sie dann auch.

Tags darauf traf ich auf dem Weg zum Brötchen holen eine ältere Dame, die ihren Mann plötzlich vor zwei Jahren verloren hatte, und die nun den Winter mit ihrem Pudel hier auf dem Platz verbringt, in Uelzen eine Wohnung und in Hamburg noch eine Gartenlaube hat, und immer zwischen den Standorten von einem netten jungen Mann gefahren werde, der aber auch ordentlich dafür entlohnt werde. Soviel in Kürze, erklärte sie mir, denn ich wolle ja noch Brötchen holen und vielleicht habe die Rezeption dann ja schon zu, wenn ich mich jetzt länger hier aufhielte.

Übrigens bringe sie dem älteren Herrn mit seinen zwei Katzen morgens immer die Brötchen an den Wohnwagen, für sie sei das zu spät, deshalb esse sie morgens zum Kaffee Weißbrot, denn zu dieser Zeit, um 6.00 Uhr, gebe es noch keine Brötchen, und ohne etwas zu essen sei das Kaffeetrinken ja ohnehin ungesund.

Übrigens gehe sie wegen ihrer Rückenschmerzen nicht zum Arzt, was solle der auch machen, denn wenn sie sich beim Laufen bewege gingen die Schmerzen wieder weg, und nachmittags sehe sie immer die schönen Serien im Fernsehen, zuhause habe sie auch Satellitenfernsehen; der neue Videorekorder, den sie jetzt hier im Wohnwagen habe, ließe sich nicht so einfach programmieren; das seien eben so die Herausforderungen, denen man sich stellen müsse, denn sonst, fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu, roste man da oben ja ein.

Jetzt solle ich aber endlich meine Brötchen holen. Ach ja, was sie noch sagen wolle, ich sei wohl der nette Mann in dem VW-Bus, mit dem man sich so gut unterhalten könne, das habe ihr der alte Mann mit dem Augenleiden und den beiden Katzen mitgeteilt. Ich stimmte zu und holte meine Brötchen, die Rezeption hatte noch offen.

Was das nun mit mir zu tun hat? Mir wurde auf einmal klar, warum ich wirklich eine Homepage eingerichtet habe. Vielleicht brauche ich die ja nicht mehr, wenn ich einmal zum Überwintern ausziehe und meine "Opfer" dann persönlich treffe. Übrigens sind mir die beiden dann doch noch sehr ans Herz gewachsen, und ich habe ihnen gerne zugehört, denn sie hatten wirklich etwas zu sagen.

 

(Gerhard Falk, 2008)

 

(Natürlich ist das nur eine Auswahl hier, weitere sind der Printversion vorbehalten.)

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Wie die Welt aussieht hängt von der Perspektive ab, aus der heraus man sie betrachtet. © Gerhard Falk