Abschied

 

 

Ich sitze im vielleicht sechsten Stock eines Hotelbaues an der Strandpromenade im Panora-marestaurant und schaue hinaus auf die Ostsee. Meine letzten Tagebuchaufzeichnungen sollen hier zu Papier gebracht werden. 

Zwischen dem Pflasterweg der Promenade und dem weißen Strand stehen windgebeutelte Kiefern. Das Meer wechselt weiter draußen von bräunlich-hell in tiefes Blau. Der Seewind hat nach-gelassen, und in der Sonne ist es frühlingshaft warm. Im Hintergrund klappern Geschirr und Bestecke, die jetzt nach der Mittagszeit abgeräumt werden. Ich habe ein Kännchen Kaffee, eine Suppe und einen großen Salatteller genossen. Vorher war ich bei meiner Kurärztin, mit der ich ein lockeres Gespräch führte. Es fiel mir auf, dass ich viel gelöster bin und wieder zuhören kann. Sie freut sich mit mir über meine wieder gewonnene frische Gesichtsfarbe und berichtet mir von ihrem balneologischen Kurs, den sie vorige Woche in Bad Salzufflen besucht hat. Ich berichte von meinen Kur-Erfahrungen hier. Morgen Abend soll ich den Abschlussbericht für meinen Hausarzt abholen. Die Waage, der ich entgegengefiebert habe, zeigt 104,2 kg! Damit habe ich als frischgebackener Vegetarier stolze 10,2 kg in 4 Wochen abgenommen. Das Praxispersonal, d. h. Schwester Gisela beglückwünscht mich und stellt fachkundig fest, dass ich darauf stolz sein könne. Ich erwidere, dies sei wohl das Einzige sei, wo man auf etwas, was man verloren habe, stolz sein könne. Federnden Schrittes verlasse ich dann die Praxis.

Vier Wochen Rügen, vier Wochen Kur, vier Wochen voller noch unverarbeiteter Eindrücke. Im Zeitraffer fliegt alles noch einmal an mir vorbei. Der Rasende Roland, der zunächst meine volle Begeisterung gefunden hat, taucht vor mir wild schnaubend auf, mit dem schrillen Ton seiner Pfeife, die ich in meiner Datscha schon früh am Morgen vernommen habe, und die mich hinaus in die Insel gelockt hat. Das Rauschen des Meeres, das Waldrauschen, der stete Wind, der kalt durch Gesicht und Haare fährt, die warme Sonne auf windstillen Ecken. Die Plattenwege, über die mein Fahrrad oft mehr gesprungen als gerollt ist, meine traktierte Sitzfläche, alles kommt in die Erinnerung zurück. Da sind noch Frau Wagner und Frau Bauer, die mit mir auf der Matte turnten und mich in der Wanne mit hartem Strahl bearbeiteten. Besonders die Erzählungen von Frau Wagner haben mir die Inselbevölkerung und die Stimmungslage einer jungen Familie auf Rügen näher gebracht. Da sind meine Ausflüge über die Insel, der beeindruckende Theaterbesuch, da ist so viel, was sich erst durch Vergessen von Unwichtigem verstetigen und hervorheben muss. 

 

Flüchtige Begegnungen, die nachwirken und verarbeitet werden müssen. Da ist auch das in sich Hineinhören. Eine alte, kleine Dame, an zwei Stöcken gehend verlässt langsam das Restaurant und gibt in einem Gespräch mit einer Kellnerin bekannt, dass sie demnächst 100 Jahre alt werde. 

 

Ich habe inzwischen den Standort wieder gewechselt und sitze im Garten vor meiner Datscha an einem alten Gartentisch, auf den mir Herr Schubert schnell eine Wachstischdecke gelegt hat. Frau Schubert buddelt in ihren Blumenbeeten, und Strolch saust im Garten umher. In meinem kurzärmligen Hemd genieße ich die Frühlingssonne in vollen Zügen. Die Birken zeigen erste grüne Spitzen. Rundherum ist ein fröhliches Gezwitscher zu vernehmen, wobei die Amseln sich am lautesten hervortun. Als plötzlich Besuch kommt muss Strolch nach Anweisung von Frau Schubert wieder in seinen Zwinger. Diese Aufgabe übernehme ich, Strolch hört aufs Wort. Noch immer ist die große Plane neben dem Zwinger ausgebreitet, die deutliche blaue Farbspuren aufweist. Er hat gestern seinen Gips abgenommen erhalten, auch für ihn sind 6 Wochen vorbei. So geht die Zeit dahin, und schlechte Tage wechseln mit guten, doch es bleibt nichts wie es ist, und auch wir sind in diesem Fluss der Veränderungen eingebunden. 

 

Meine Erfahrung ist, den besonderen Wert des Augenblickes dann zu erkennen, wenn er sich uns in seiner Besonderheit und Bedeutung eröffnet, und ihn zu bewahren. Ihn als Baustein zu verwenden und zu erkennen, dass sich nichts, so wie wir es erlebt haben, wiederholen kann. 

 

Morgen werde ich packen. Eine Kiste mit Wasserflaschen und eine Kiste mit Grapefruitflaschen müssen zurückgebracht werden. Die Lebensmittel sind bis auf ein paar Gewürze aufgebraucht und werden jetzt auch nicht mehr neu eingekauft. Ich habe meinen Trainingsanzug gewaschen, in den auf dem Fahrrad so mancher Schweißtropfen geflossen ist. Zwei Unterhosen und ein T-Shirt folgen ihm, sonst hat alles gereicht. Hemden habe ich ein paar in die Wäscherei gebracht. Nicht, weil ich sonst nicht ausgekommen wäre, sondern weil Irene nicht gleich wieder so viel bügeln sollte. 

Für meinen Videofilm muss ich noch den Schluss-titel programmieren. Dann suche ich noch an einem passenden Motiv für die Schlussszene. Es muss eigentlich nichts Spektakuläres sein – wir werden sehen. 

 

Mein Fahrrad hat vorne wieder einen Plattfuß. Auch der neue Schlauch hat nur bis zum Vitarium gehalten, dann stand ich auf selbigem. Meine Fähigkeiten als Fahrradmechaniker sind sicher entwicklungsbedürftig, ob sie auch ent-wicklungsfähig sind überlasse ich der Zukunft. Rein analytisch bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass ein spitzer Gegenstand durch den Mantel gedrungen ist und sich dort noch irgendwo versteckt hält, was auch dem neuen Schlauch zum Verhängnis geworden ist. Vielleicht mache ich hier noch mal einen weiteren Reparaturversuch, denn einen intakten Schlauch habe ich noch. Es würde mir gefallen, morgen eine Abschlussrundfahrt durch Binz und über die Strandpromenade zu unternehmen. Dann rüber zur anderen Seite an den Schmachter See mit seinen ausgedehnten Schilfgürteln und der Entenfamilie am Steg.

Bald werden die Ruderkähne und die eine oder andere Segeljolle dort festgemacht sein. Bald werden sich auch die Sommergäste einstellen und die Straßen und den Strand füllen. Dort wird dann die Seebrücke fertig gestellt sein. Im Vitarium wird es Betrieb geben. Das Therapiezentrum hat dann einen vollen Terminplan. Jetzt war ich oft der einzige Patient. Das war eine private Atmosphäre. Alle hatten Zeit, ein Schwätzchen hier, ein Schwätzchen dort. „Guten Tag Herr Falk, ich habe sie gestern mit dem Fahrrad gesehen, wie sie aus Richtung Prora kamen. Ich war nach der Arbeit auf dem Heimweg. Wo waren sie gestern?“ „Heute wird das Wetter wieder schön.“ „Wie viele Kilo sind sie schon los?“ „Ja, am Bauch ist es schon weniger geworden; das sieht man. Nur weiter so.“ „Mein Mann wird jetzt seine Umschulung zum EDV-Fachmann beenden. Hoffentlich findet er dann auf Rügen oder in der Nähe eine Stelle. Irgendwann wollen wir ja auch anfangen zu leben.“ Hätte ich ihr sagen sollen, dass sie mitten drin ist im Leben? Ich habe es nicht getan, ich will keine Weisheiten verbreiten, von denen ich nicht sicher bin, ob sie auch stimmen. Frau Wagner war früher Köchin, sie hat das als Beruf gelernt. Später schulte sie zur Masseurin um. Zum Abschied hat sie mir ein kleines Büchlein mit Ärztewitzen geschenkt, mit einem hübschen Bändchen eingepackt. Ich werde es erst zuhause öffnen. So werden kurze Begegnungen zur schönen Erinnerung. Ein leichter Wolkenschleier zieht vor die Sonne, und der Wind wird kühler; also ist auch dieser Aufenthalt im Garten zu Ende. 

 

 

In die Abschiedsgedanken schleicht sich die Vorfreude auf zuhause. Meine kleinen Geschenke sind eingepackt. Ich möchte meinen Lieben zuhause damit danken, dass sie mir den Aufenthalt auf Rügen ermöglicht haben, dass sie sich auf meine Rückkehr freuen. Damit will ich dieses Tagebuch schließen. Neben der wieder gewonnenen Gesundheit und der Zukunftshoffnung habe ich hier auf Rügen ein weiteres Stück Heimat gefunden. Heimat ist dort, wo man ein Stück guter Erinnerungen zurücklässt, wenn man abreist. 

 Auf wiedersehen – irgendwann!

 

Jetzt im Jahre 2008, also ca. 14 Jahre nachdem dieser Reisebericht entstand, füge ich für das letzte Bild ein kleines Gedicht hinzu, das dieses Thema aufgreift und einen neuen Gedanken hinzufügen soll:

Zuversicht

Wie oft wurde ich auf den Strand gezogen,
wie oft bin ich über die Wellen geflogen,
wie oft kam ich schwer beladen nach haus,
wie oft musste ich früh am Morgen hinaus,
wie oft wird man noch an mich denken,
wie oft noch einer den Weg zu mir lenken?

Doch eines ist sicher, ich vertraue darauf,
es war für mich eine gute Zeit - die vergangen.
Es wächst aus dem Sterben ein Neues herauf.
Sieh nur hin, denn die Saat ist aufgegangen.

Gerhard  Falk 

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Wie die Welt aussieht hängt von der Perspektive ab, aus der heraus man sie betrachtet. © Gerhard Falk