„Taugenichts“ im Vitarium und anderswo!

 

 

Heute verlege ich die Aufzeichnungen in das Vitarium. Meinen Sonnenmorgen-Tee habe ich bereits genossen. Jetzt sitze ich in der Glasdachhalle in der Sonne und warte auf meinen Gymnastiktermin. Gestern war ein Aktiverlebnistag. Mein Sitzorgan hat die Hauptarbeit geleistet. Die Plattenwege, die Waldwege und alles haben meine letzten Reserven gefordert. Heute muss ich einen Ruhetag einlegen. Die Gymnastik und vielleicht ein paar Spaziergänge müssen reichen. 

Zunächst führte mich mein Weg radelnd nach Prora, an den Hitlerbauten vorbei, wo „Kraft durch Freude“ erwachsen sollte.

 

Als Schlagworte fallen mir „Gigantismus“ und „braune Ameisen“ ein.

 

Kurz vor Mukran liege ich mit meiner Thermoskanne neben dem Fahrrad im weichen Dünengras und blinzele in die Sonne. Ich werde zu Eichendorffs „Taugenichts“. Ein bestimmtes Ziel habe ich noch nicht. Lediglich zu den Feuersteinfeldern will ich. Viele Tausende von Jahren liegt es zurück, dass ganz Rügen ein Inselarchipel war. Das Feuersteinfeld ist ein eiszeitlich aufgeschobener Rücken und so weiter - man lese es nach.  

Ich strampele durch den Wald. Dass es hier auch Moorheide gibt, zeigt sich am moorartigen und durchwurzelten Weg, der mir alle Geschicklichkeit abverlangt. An den Feuersteinfeldern treffe ich auf vielfältige Eindrücke: Natur mit romantischen Zügen. Mein Aufenthalt wäret nicht lange, denn schon längst habe ich auf der Karte ein neues Ziel ausgemacht: Lietzow, an der Enge zwischen großem Yasmunder und kleinem Yasmunder Bodden gelegen. Lediglich die Zufahrt bereitet mir noch Kopfzerbrechen. Die Straße ist ein großer Umweg und lädt mich nicht gerade ein. Also folge ich den Waldwegen und der sonst vermuteten Richtung. Dass ich mich in wenig begangenen Waldbereichen befinde wird mir bald klar, denn schon längst schiebe ich das Rad nur noch; doch dann öffnet sich auf einem Höhenrücken der Blick auf den Yasmunder Bodden.  

Zwischen im Wind gewachsenen Kiefern auf weichem trockenem Grasbett stehe ich ergriffen am Abhang und genieße den Blick in die Weite. Auf dem Wasser glitzern die Sonnenstrahlen und lassen es zum hoch gefüllten Silbertopf werden. Die Ufer säumt hoch stehendes, vom Winter braunes, hellbraunes Schilfgras in breitem Band. In die Stille dringen vereinzelt Schreie vorbeiziehender Wasservögel. Zurück in die Wirklichkeit bringt mich die Erkenntnis, dass der Weg hier zu Ende ist. Unter mir liegt zwischen Bodden und dem Fuß des Abhanges das Bahngleis. Hier vermute ich einen Weg und mache mich an den Abstieg. Das Fahrrad quer zum Hang mit einer Hand haltend rutsche ich fast liegend langsam nach unten. Wenn ich mir hier etwas breche werde ich langsam vor mich hin trocknen, bis man mich findet, geht es mir durch den Kopf. Doch dann bin ich unten auf dem vermuteten Weg, oder jedenfalls war es vor längerer Zeit einer. An richtiges Fahren ist auch hier nicht zu denken. Immer wieder sind Strecken nur zu Fuß zu überwinden, aber noch geht es voran. Vor einer sich längs der Bahnlinie hinziehenden Hecke ist dann auch der Weg zu Ende. Kein Durchkommen. Der Berghang ist dicht und steil an das Gleis herangerückt, dass auch hier kein Entkommen ist. Also erst einmal über das Bahngleis hinüber, dann auf der anderen Seite öffnet sich das gut zwei Meter hohe trockene Schilf und gibt den Bodden frei. Das Wasser plätschert leise, und ich bin ganz verzückt, möchte hier bleiben und die Sonne, die Stille und die Natur genießen. Möchte nichts anderes als ein „Taugenichts“ sein. 

Ich atme alles tief ein. Wie lange dieser Zustand anhält weiß ich nicht mehr, jedenfalls  beschließe ich ihn mit einem Foto und der Suche nach einer Wegalternative.  In der Ferne schaut ein Turm über einen kleinen Waldrücken, dort vermute ich Lietzow. Also am Bahndamm auf dem groben Schotter weiter in diese Richtung. Kommt jetzt ein Zug, dann hilft nur ein Sprung in die Dornen oder das Schilf, die sich hier auf der Boddenseite des Gleises abwechseln, aber es kommt kein Zug. Kurz vor Lietzow senkt sich auf der anderen Gleisseite der Hang und gibt den Blick frei auf einen Weg. Schnell wechsele ich über das Gleis und bin froh die ungemütliche Strecke hinter mir zu haben. An einer kleinen Brücke steht ein Angler, der sein Glück in einem zulaufenden Bach sucht. Eine Schule silbrig glitzernder Fischbrut zischt mit kühnem Sprung aus dem Wasser, um nach der Mückenspeise schnell wieder in ihrem Element zu verschwinden. Weiter geht’s am Bahnhof vorbei zur Lietzower Fährstelle. Ein berauschender Blick in die Sonne über dem großen Yasmunder Bodden nimmt mich gefangen. Zur rechten ein Steilufer mit Waldbestand. Fischerkähne dümpeln vor sich hin. Ein kleiner Imbissstand mit vorgebauter Holzbude lädt zur Einkehr. Für mich gibt es dort auch etwas: drei kleine Reibekuchen mit Apfelmus, köstlich! 

 

 

Der Rückweg führt mich über die Straße am Mukraner Eisenbahnfährterminal vorbei. Prora rückt näher. Wo sonst mein Hintern vermutet wird ist nur noch Schmerz. In Prora will ich in meiner Verzweiflung mein treues Eheweib anrufen, doch: wie so oft geht niemand ans Telefon. Schwesterchen Erika ist zuhause und bedauert mich am Telefon wohltuend. Mein Stolz auf meinen Gewichtsverlust von vier Kilo, mit dem ich am Telefon prahlen kann, baut mich auch wieder auf, so dass ich den Rest bis Binz dann doch noch schaffe.

 

Nächstes Kapitel.

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Wie die Welt aussieht hängt von der Perspektive ab, aus der heraus man sie betrachtet. © Gerhard Falk