Verbotene Wege

 

 

Ich schaue in die untergehende Sonne, die durch die Bäume in mein Fenster und auf meinen Schreibtisch scheint. Eine Tasse Kaffee, heiß aus der Thermoskanne von heute morgen wärmt mich von innen. Frisch geduscht habe ich auch den Schweiß des Tages hinter mir gelassen. Aus dem Radio klingen flotte Lieder. Draußen springt Strolch über die Wiese; er hat mich wieder mit freudigem Gejaule begrüßt. Unter dem Windfang vor der Türe hängen Hose, Pullover, Schwerwetterjacke und Flanellhemd zum Lüften. Die Gummistiefel liegen vor der Türe und dampfen vor sich hin, den Sand des Ostseestrandes noch im Profil. Ein Strandwandertag geht zu Ende. 

 

 

Am Morgen bin ich bei Regen aufgebrochen mit der Vorstellung, ein bisschen am Strand ent-lang in Richtung Sellin „spazieren zu gehen“. Schon unten am Strand hat der Regen aufgehört. Trotzdem bin ich alleine an diesem Sonntagmorgen. Einige wenige Schwäne tauchen ihre langen Hälse in die Wellen und suchen nach Futter. Auch die Möwen scheinen stiller. Nur die Brandung rauscht ihr nie endendes Lied von der Weite der Meere. Mein Weg führt im weichen Sand an einem kleinen auf den Strand gezogenen Fischerboot vorüber. Die Reusenfahnen im Bündel zusammengestellt flattern  im Heck des Holzbootes im Wind. Aus der Fischräucherei oben am Strand zieht eine dünne Rauchfahne. Würziger Duft kitzelt meine Nase und lässt meinen Mund wässrig werden. Doch als Vegetarier, der ich nun leider bin, verbietet sich ein Abstecher in dieses Tempel eines Fisch-Gourmets. Trotzig schreite ich weiter aus und richte meinen Blick hinaus aufs Meer. Meine Nase wird schnell von salzigem Meerwind vermischt mit dem würzigen Tanggeruch neu gefangen genommen. Langsam verschwindet Binz hinter mir im diesigen Morgenlicht und der Sand verliert sich unter einer dicken Kieselschicht, die bei jedem Schritt rollende Knirschgeräusche von sich gibt. Das Gehen wird zusehends anstrengender, und meine Füße erhalten durch die dünne Sohle der Gummistiefel eine erste Massage, sozusagen als Einstimmung für den weiteren Weg, auf dem ich nur noch selten und nur für wenige Meter Sand antreffen werde. 

Die erste Bucht habe ich bereits hinter mir gelassen. Rechts steigt die Küste langsam an, doch die Bäume des Mischwaldes reichen noch herunter bis zum jetzt nur noch aus großen Kieseln bestehenden Strand. Da bin ich froh in der Piratenbucht, wie ich sie nenne, einen Lagerplatz zu finden, der auf einem kurzen Sandstreifen Reste eines Lagerfeuers aufweist, um das herum vereinzelte Holzbalken liegen, die als Sitzgelegenheit gedient haben.

 

Zwischen großen Küstensteinen traue ich meinen Augen kaum, steht ein aus einem Baumstamm geschnittener Hocker mit Rückenlehne. Er lädt mich zur Pause ein. Hier könnte ich, schiene die Sonne jetzt, stundenlang sitzen, doch der kalte Wind treibt mich weiter.

 

Den Elbsegler auf dem Kopf sehe ich sicher wie ein gestrandeter Seemann aus, der am Strand nach seinem Schiff sucht. Aber hier ist niemand außer mir, der sich darüber Gedanken machen könnte.

Weiter vor mir erkenne ich umgestürzte Baume, die mit ihren Kronen über den schmaler wer-denden Strand bis in die Brandung liegen. Wird mein Weg dort zu Ende sein? Ich muss jetzt mehr darauf achten wo meine Füße hintreten, denn die Steine werden zusehends größer und mein Gang gleicht mehr einem Hüpfen von einer Trittmöglichkeit zur nächsten.

Beiden vom Sturm und der Erosion der Steilküste umgeworfenen Bäumen angekommen, ent-schließe ich mich, so lange weiter zu gehen, bis es nicht mehr geht. Ich steige hindurch, klettere über Astwerk, krieche tief gebückt, umgehe mit den Gummistiefeln im Wasser die Baumkronen, klettere über noch ins Ufer gekrallten Baumwurzeln, aber es geht immer noch vorwärts. Längst bin ich in einer neuen Bucht, und immer wieder gibt es längere auch ohne umgestürzte Bäume versperrte Strandabschnitte. Die Küste steigt jetzt schroff empor. Heller Sandboden wächst nach oben und trägt am Rand wieder Bäume. In großen Bergen sind Teile der Steilküste nach unten gerutscht; die Abrissstellen sind großflächig, wie mit einem riesigen Messer scharf in die Steilküste geschnitten. Teilweise stehen oder liegen noch Bäume auf den abgestürzten Erdmassen. Das Klettern wird jetzt immer beschwerlicher. Unter den vom Wetter ausgespülten Überhängen entwickelt sich ein bedrohliches Gefühl. Ich werde immer kleiner! Die abgerutschten Erdmassen sehen teilweise so frisch aus, als wäre es gerade erst geschehen. Was, wenn sich gerade jetzt eine neue Sandscholle samt Bäumen oben an der hoch aufragenden Steilküste löst? Solche und ähnliche Gedanken lassen sich nur schwer unterdrücken. Doch da vorne am Ende der Bucht sehe ich an den sich brechenden Wellen ein weit ins Meer hinaus reichendes Riff, das mich lockt. Und unverdrossen laufe, hüpfe und klettere ich weiter. Längst habe ich eingesehen, dass das nicht mein Rückweg sein wird, den ich da seit Stunden hinter mir lasse. Am Riff angekommen lege ich eine Rast ein. An Regen ist nicht mehr zu denken. Die Sonne hat sich durchgesetzt. Auch wenn sie durch eine nach wie vor geschlossene Wolkenschicht nicht ganz zur Wirkung kommt. Doch jetzt bin ich von innen nass. Runter mit der Regenhose, weg mit der Schwerwetterjacke. An einer windgeschützten Stelle auf einem dicken Findling trockne ich langsam vor mich hin bis der kalte Wind mich nötigt, die warmen Sachen wieder überzuziehen.  

 

 

Hinter der nächsten durchkrackselten Bucht sehe ich plötzlich die Seebrücke von Sellin im Dunst liegen. Sie lockt mich mit einer warmen Gaststätte und dem Rasenden Roland, der mich nach Binz zurück bringen könnte. Was soll ich tun? Ich klettere über Baumwurzeln einen Abrutschberg hinauf, auf dem oben so etwas wie Dünengras wächst und lege mich dort in die Sonne, die durch ein Wolkenloch scheint. Ich höre nur Möwenschreie und die Brandung. Nichts lockt mich jetzt auf gepflasterte Straßen. Doch der Weg zurück wäre zu beschwerlich und zu weit. 

 

 

Ich erinnere mich an einen Einschnitt, bei dem die Steilküste sich etwas nach unten neigt und bis zum Strand mit Bäumen bewachsen ist. Da könnte ich vielleicht hinaufklettern und oben den Klippenweg zurückgehen. Also rappele ich mich auf und mache mich auf den Weg zurück zu dieser Stelle. Wohlan Seemann! Jetzt geht’s hinauf. Es ist doch steiler als gedacht. Langsam auf sicheren Halt bedacht entere ich auf, mit beiden Händen an aus dem Boden ausgewaschenen Wurzelstücken sichernd. Langsam gewinne ich an Höhe. Immer wieder muss ich schauen, wo es weitergehen kann. Bei jedem Tritt prüfe ich vorher, ob der Boden hält. Jetzt abzurutschen wäre fatal. Unter mir geht es steil nach unten. Nur nicht hinunter schauen, nur nach oben zur sichern Kante, die ich erreichen muss. Immer wieder lege ich kurze Pausen ein, weil die Luft ausgeht. Ich muss das Gefühl haben, immer soviel Kraft zu haben, dass ich mein Körpergewicht mit einer Hand halten kann, falls ich mit den Füßen wegrutschen sollte. Jetzt bin ich doch noch zu einem sportlichen Tagesprogramm gekommen, das wieder einige Kalorien vernichtet. Was sich aus einen kleinem Strandspaziergang im Regen so entwickeln kann. 

Geschafft! Eine dicke Buche nimmt mich oben am Klippenrand in Empfang. Ich werfe die Jacke von mir, stütze die Hände in die Seite und atme tief durch. Beim Hinabschauen wird mir klar, dass ich verrückt sein muss. Von hier oben gesehen sieht das nicht einladend aus. Aber es soll ja schon Leute gegeben haben, die haben sich in der Badewanne das Genick gebrochen. Mein Schutzengel hat wieder ganze Arbeit geleistet. 

 

Auf dem Klippenweg gehe ich wie auf Wolken, doch auf meiner Haut hat die Flut eingesetzt. Es regnet drinnen. Wenn ich jetzt Jacke und Hose ausziehe, gibt es auf Rügen Nebel. 

 

Ich trotte weiter. An einem Aussichtspunkt hänge ich Jacke und Hose in die Sonne - eine Wohl-tat. Der Schweißdampf zieht hinaus aufs Meer, und bei mir fängt es an zu frieren, als wollte die Eiszeit wiederkommen. Der Vorgang ist rein physikalisch klar: durch Verdunstung entsteht Kälte. Bei 8 – 10 º C Außentemperatur aber ein Vorgang, auf den ich gerne verzichte. Also wieder rein in die Klamotten und weiterlaufen. Kurz vor Binz kann ich wieder hinunter zum Strand, dort finde ich in meiner Piratenbucht einen schönen windgeschützten Platz. 

 

Die Regenhose, in der es innen geregnet hat, hänge ich linksgewendet an einen Baum, die Jacke lege ich ausgebreitet auf einen großen Stein, ich setze mich auf einen angeschwemmten Stamm. Alles trocknet vor sich hin. Aus Binz kommend nähert sich eine ältere Dame am Strand, die erstaunt die Szene betrachtet. Bei mir angekommen fragt sie mich, ob ich große Wäsche hätte. Ich beschreibe ihr meinen Wanderweg, der in keinem Wanderführer steht. Irgendwann wird ein Warnschild Strandspaziergänger rechtzeitig zur Umkehr mahnen, doch ich werde es wahrscheinlich nicht beachten.

 

Nächstes Kapitel.

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Wie die Welt aussieht hängt von der Perspektive ab, aus der heraus man sie betrachtet. © Gerhard Falk