Helgoländer Erinnerungen

 

von

 

Gerhard Falk

 

„Kum weer“ steht auf dem breiten Molenkopf beim Helgoländer Anleger. Dort wo von Frühjahr bis Herbst die Börteboote Tausende von sonnenhungrigen, windhungrigen und gelegentlich sicher auch durstigen Touristen anlanden, die auf weißen Seebäderschiffen von der friesischen Nordseeküste aus in See stechen; ängstlich oder wild entschlossen die legendäre Überfahrt wagend, für einen kurzen Abenteuertag oder länger, der weißen Möwe folgend, die immer noch nach Helgoland fliegt und dem geliebten Mädchen den Gruß befördert.

 

„Welkoam iip Lunn“ steht auf demselben Molenkopf, was soviel heißen will wie: „Willkommen auf der Insel“. Helgoländisch als Sprache lebt. Willkommen und komm wieder, dazwischen verweilen. Zwischen Anleger und Hafenmole drücken die Wellen dem Strand entgegen. Kommen und gehen mit „Willkommen“ und „Komm wieder“ - Stunde für Stunde, Tag für Tag, Nacht für Nacht, Jahr für Jahr, Jahrhundert für Jahrhundert, willkommen-komm-wieder, willkommen-komm-wieder. Die gleiche Melodie - mal unhörbar leise, mal laut tosend.

 

Als Durchreisender schaue ich ihnen zu, höre auf ihr Rauschen, schaue über sie hinweg - dort-hin, wo Meer und Nebel eins werden, wo es keinen Horizont gibt, wo morgen früh die Sonne aus dem Meer steigt, auch wenn eine Wolkenwand sie verdeckt. Dort ist sie immer aus dem Meer gestiegen, hat den Nordseefelsen rot glühen lassen, das bunte Volk der Insulaner und der Gastinsulaner beschienen, den Schafen auf dem Oberland das Fell gewärmt, den Zugvögeln und Lummen und den weißen Möwen das Gefieder gekitzelt und ist hinter der Langen Anna ins Meer zurück gesunken, von den Sonnenuntergangsfotografen festgehalten und mit nachhause genommen worden.

 

In der Jugendherberge war währenddessen das Abendbrot verteilt und das Geschirr gespült. Auf der Tischtennisplatte hüpft der weiße Ball hin und her, der Sand knirscht in der Plastiktüte zwischen Muscheln, Steinen und Donnerkeilen und später auch auf dem Bettlaken, während der Leuchtturm beginnt seine Lichtstrahlen in die Zimmer zu blitzen.

 

Ein Helgoländer Tag, eine Helgoländer Nacht, viele Erinnerungen wechseln sich ab, während ich hinter dem Fenster sitze, das Meer rauscht und es langsam dunkel wird.

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Wie die Welt aussieht hängt von der Perspektive ab, aus der heraus man sie betrachtet. © Gerhard Falk